{"id":65070,"date":"2024-05-08T09:49:42","date_gmt":"2024-05-08T08:49:42","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=9498"},"modified":"2024-05-08T09:49:42","modified_gmt":"2024-05-08T08:49:42","slug":"staatsschauspiel-dresden-aktenzeichen-k","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/05\/staatsschauspiel-dresden-aktenzeichen-k\/","title":{"rendered":"Staatsschauspiel Dresden: Aktenzeichen K."},"content":{"rendered":"<p><em>\u201eDas Schloss\u201c nach dem Roman von Franz Kafka \u2013 Regie Maxim Didenko, B\u00fchne Andreas Auerbach, Kost\u00fcme Galya Solodovnikova, Musik Daniel Williams<\/em><\/p>\n<p>von <em>Lara Wenzel<\/em><\/p>\n<p>(zuerst erschienen bei <a href=\"https:\/\/tdz.de\/artikel\/c49f65b2-2538-4a52-93f4-e733a68e8967\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/tdz.de\/artikel\/c49f65b2-2538-4a52-93f4-e733a68e8967\"  rel=\"noreferrer noopener\">TdZ<\/a>)<\/p>\n<p>Wie ein Leuchtzeichen aus einer anderen Welt taucht K. im k\u00fchlen Mondlicht auf. Mit keinem gr\u00f6\u00dferen Kontrast k\u00f6nnte er sich mit seinem neongelben Schutzanzug von den grauen brutalistischen Geb\u00e4uden in seinem R\u00fccken abheben. Wie der letzte \u00dcberlebende eines Atomschlags keucht er allein in seine Atemmaske, bis sich endlich Leben regt und das Dorf den Fremden in eine ihrer Kammern zieht. Die Geschichte des Landvermessers K., der sich \u00fcber die n\u00e4chsten Stunden im Regelwerk dieser Stadt und ihrer Verwaltung verirrt, wird in der Inszenierung des russischen Regisseurs Maxim Didenko zum Denkst\u00fcck \u00fcber Exil und Opportunismus. <span id=\"more-9498\"><\/span> Bereits vor vier Jahren war die Bearbeitung des Fragment gebliebenen Romans \u201eDas Schloss\u201c von Franz Kafka geplant. Erst musste das Staatsschauspiel Dresden die Produktion wegen Corona verschieben, dann noch einmal aufgrund des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine, in dessen Folge Didenko nach Berlin immigrierte.<\/p>\n<p>In ein Dorf bestellt, um als Landvermesser zu arbeiten, wird K. nie vom als Schloss verkl\u00e4rten b\u00fcrokratischen Unget\u00fcm, das alle Regungen vor Ort verwaltet, eine Arbeitserlaubnis erhalten. Das atmosph\u00e4rische B\u00fchnenbild von Andreas Auerbach und die Kost\u00fcme, gestaltet von Galya Solodovnikova, situiert die Geschichte im (post-)sowjetischen Russland. Graue Behausungen aus \u00fcbereinander gestapelten W\u00fcrfeln, die auf der Drehb\u00fchne mal ihre Fassade, mal ihr Inneres preisgeben, erg\u00e4nzen sich mit sowjetischer Blumenbettw\u00e4sche und den roten Halst\u00fcchern des Komsomol, der Jugendorganisation der Kommunistischen Partei der Sowjetunion. Weitere Aktualisierung braucht der Stoff von Kafka, der vom Roman in b\u00fchnentaugliche Dialoge \u00fcbersetzt wurde, nicht. Sein Grundkonflikt, in dem sich die Menschen einem System aus Regeln hilflos ausgeliefert f\u00fchlen, dass sie sich selbst gegeben haben, ist seit 100 Jahren ungebrochen g\u00fcltig.<\/p>\n<p>Schauspieler Moritz Kienemann nimmt es als K. mit diesem Unget\u00fcm auf und merkt dabei kaum, dass die Gebote des Schlosses Teil seines eigenen Denkens und Handelns werden. Erst durch seinen leuchtenden Anzug als fremd markiert, tauscht er ihn nach einer Nacht mit dem Ausschankm\u00e4dchen Frieda, dargestellt von Kaya Loewe, gegen eine angepasste Kombination aus Feinripphemd und Sporthose aus. Der Kost\u00fcmwechsel zeigt den Eintritt in die hierarchische Logik dieser Welt an. Das Verh\u00e4ltnis mit Frieda, der Geliebten des Gemeindevorstehers Klamm, ist nur Mittel, um dieser Autorit\u00e4t n\u00e4herzukommen. Als er endlich vor Klamm steht, den Holger H\u00fcbner als Kriegsveteran mit Nasenprothese und gelungener Beamtensouver\u00e4nit\u00e4t gibt, belehrt dieser den Unwissenden nur.<\/p>\n<p>Wie im Traum bewegt sich K. durch das B\u00fchnenbild, klettert an den Gel\u00e4ndern entlang, statt zu gehen und dr\u00e4ngt sich in den projizierten Bildern an W\u00e4nde und Menschen. Immer etwas zu nah r\u00fccken die Aufnahmen von Gespr\u00e4chen und Sexszenen an die Spielenden heran. Wie K. kann auch das Publikum keinen \u00dcberblick \u00fcber die Situation erlangen. Nicht einmal den Weg zum Schloss findet der Landvermesser, obwohl er an der Kartografie der Welt arbeitet. \u201eAlle Wege f\u00fchren zum Schloss\u201c singt derweil eine Gruppe Schulkinder mit Komsomol T\u00fcchern indes spottend eines der Lieder, die den b\u00fcrokratischen Rundlauf in der Inszenierung absurd untermalen.<\/p>\n<p>Livemusiker Daniel Williams steigert mit d\u00fcsteren Kl\u00e4ngen den Sog der mythischen Bilder, die sich getragen von der Energie Kienemanns und einem Ensemble voller eigent\u00fcmlicher Einwohner aneinanderreihen. Aus dem Boten Barnabas, der gespielt von Philipp Grimm daran scheitert zwischen dem Schloss und K. zu vermitteln, wird ein verlorener Hermes, dessen schwebende Silhouette auf der Gaze vor dem Publikum tanzt. In einen rasenden Karnevalszug mit Masken und H\u00f6rnern verwandeln sich die Dorfbewohner des Nachts und verwickeln den K. in Riten, die genauso wenig zu durchblicken sind wie die vermeintlich rationale B\u00fcrokratie bei Tag. Die Inszenierung offenbart die r\u00e4tselhafte Seite der vern\u00fcnftigen Abl\u00e4ufe, die den auf der Stelle rasenden K. schlie\u00dflich in den Zusammenbruch durch Ersch\u00f6pfung treiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas Schloss\u201c nach dem Roman von Franz Kafka \u2013 Regie Maxim Didenko, B\u00fchne Andreas Auerbach, Kost\u00fcme Galya Solodovnikova, Musik Daniel Williams von Lara Wenzel (zuerst erschienen bei TdZ) Wie ein Leuchtzeichen aus einer anderen Welt taucht K. im k\u00fchlen Mondlicht \u2026 <a href=\"https:\/\/emafrie.de\/staatsschauspiel-dresden-aktenzeichen-k\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">\u2192<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":928,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"site-sidebar-layout":"default","site-content-layout":"","ast-site-content-layout":"default","site-content-style":"default","site-sidebar-style":"default","ast-global-header-display":"","ast-banner-title-visibility":"","ast-main-header-display":"","ast-hfb-above-header-display":"","ast-hfb-below-header-display":"","ast-hfb-mobile-header-display":"","site-post-title":"","ast-breadcrumbs-content":"","ast-featured-img":"","footer-sml-layout":"","ast-disable-related-posts":"","theme-transparent-header-meta":"","adv-header-id-meta":"","stick-header-meta":"","header-above-stick-meta":"","header-main-stick-meta":"","header-below-stick-meta":"","astra-migrate-meta-layouts":"default","ast-page-background-enabled":"default","ast-page-background-meta":{"desktop":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"ast-content-background-meta":{"desktop":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"tablet":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""},"mobile":{"background-color":"var(--ast-global-color-5)","background-image":"","background-repeat":"repeat","background-position":"center center","background-size":"auto","background-attachment":"scroll","background-type":"","background-media":"","overlay-type":"","overlay-color":"","overlay-opacity":"","overlay-gradient":""}},"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[2674,2555,2544,2527,2673,2672,2543],"class_list":["post-65070","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-syndicated","tag-autoritarismus","tag-individuum","tag-kollektivismus","tag-krise","tag-kultur","tag-lara-wenzel","tag-patriarchat-kollektivismus-individuum"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65070","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/users\/928"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=65070"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65070\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":65071,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/65070\/revisions\/65071"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=65070"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=65070"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/meta.copyriot.com\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=65070"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}