{"id":65653,"date":"2024-09-17T06:54:45","date_gmt":"2024-09-17T05:54:45","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=9818"},"modified":"2024-09-17T06:54:45","modified_gmt":"2024-09-17T05:54:45","slug":"frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/09\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/","title":{"rendered":"\u201eFrieden\u201c als Metapher des nationalchauvinistischen Ressentiments?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die blinden Flecken des Antimilitarismus angesichts des Kriegs in der Ukraine<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Holger Schatz<\/em> und <em>Jan<\/em> <em>Keetman<\/em><\/p>\n<p><em>Sp\u00e4testens mit den Wahlerfolgen von AFD und BSW bei den Landtagswahlen in Th\u00fcringen und Sachsen ist \u201eFrieden\u201c eine Chiffre f\u00fcr einen neuen Nationalchauvinismus geworden. Dieser denunziert Waffen- und Finanzhilfen an die Ukraine wahlweise als Diebstahl am deutschen Volk oder dem Steuerzahler. Wie aber ist zu erkl\u00e4ren, dass auch weite Teile der Linken Waffenlieferungen ablehnen, mit denen die v\u00f6lkerrechtswidrig angegriffene Ukraine sich zu verteidigen versucht?<\/em><\/p>\n<p>Ein Land wird angegriffen von einem autorit\u00e4ren Staat, Zivilpersonen sterben, D\u00f6rfer und St\u00e4dte werden dem Erdboden gleichgemacht und kein Mensch k\u00f6nnte ernsthaft behaupten, dieser Angriffskrieg diente auch nur ansatzweise der Entwicklung emanzipativer Prozesse im angegriffenen Land.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund ist es erkl\u00e4rungsbed\u00fcrftig, dass weite Teile der linksradikalen Bewegung hierzulande Waffenlieferungen kritisiert, die von der Regierung, aber auch gro\u00dfen Teilen der Bev\u00f6lkerung und sozialen Bewegungen und Gewerkschaften in der Ukraine zur Verteidigung gefordert werden. Wir wollen im Folgenden die Kritik an den Waffenlieferungen auf Ihre Stringenz hin untersuchen und aufzeigen, welche unangenehmen Fragen sie ausblendet. Fragw\u00fcrdige Fehlschl\u00fcsse sind dabei nicht nur auf die Halb- bzw. Falschinformationen zur\u00fcckzuf\u00fchren, sondern auch auf stereotype Gemeinpl\u00e4tze scheinradikaler Kapitalismuskritik, die mit der konkreten Perspektive der Subjekte und den M\u00f6glichkeiten gesellschaftlicher Entwicklung in der Ukraine wenig zu tun haben.<\/p>\n<p><span id=\"more-9818\"><\/span><\/p>\n<p><strong>Die verschwiegene Vorgeschichte: Die Abr\u00fcstung der Ukraine war historisch einmalig, bis sie das erste Mal \u00fcberfallen wurde<\/strong><\/p>\n<p>In der Argumentation vieler linker Friedensbewegter trifft man immer wieder auf einige stereotype Behauptungen, von denen hier nur drei herausgegriffen werden k\u00f6nnen: Es gehe um \u201elegitime Sicherheitsinteressen\u201c Russlands (Lawrow), die Ukraine sei zum \u201emilit\u00e4rischen Vorposten\u201c der USA gemacht worden (Wagenknecht) und der Westen habe die Unterzeichnung eines Friedensabkommens kurz nach Beginn des Krieges verhindert.<\/p>\n<p>Dass Nachbarl\u00e4nder Russlands \u201elegitime Sicherheitsinteressen\u201c haben k\u00f6nnten, scheint vielen nicht im Traum in den Sinn zu kommen. Dabei ist Russland eine Atommacht mit einer der gr\u00f6\u00dften Armeen der Welt und niemand erhebt Gebietsanspr\u00fcche gegen Russland. Die These, dass die Nato Russland bedroht, sollte sich nach unz\u00e4hligen Debatten \u00fcber Waffenlieferungen an die Ukraine und angesichts weiter bestehender Restriktionen eigentlich er\u00fcbrigt haben. H\u00e4tten die USA vor zwei Jahren angek\u00fcndigt der Ukraine 20 Patriotsysteme und 200 Kampfflugzeuge zu liefern, s\u00e4\u00dfe Putin entweder l\u00e4ngst am Verhandlungstisch oder der Krieg s\u00e4he heute zumindest ganz anders aus.<\/p>\n<p>Es sind die Nachbarl\u00e4nder, die sich bedroht f\u00fchlen m\u00fcssen, weil sie nicht das milit\u00e4rische Potential Russlands haben und die Taten und Worte des russischen Pr\u00e4sidenten durchaus auf die Wiedererrichtung eines russischen Imperiums zielen. Z. B. hat Putin den Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 mehrfach gelobt dessen Zusatzprotokoll die Aufteilung Polens, des Baltikums und eines Teils Rum\u00e4niens zwischen Hitler und Stalin regelte. Kein Wunder, dass die Nachbarn unter das Dach der Nato wollten, aber gerade die Ukraine lie\u00df die Nato 2008 nicht rein.<\/p>\n<p>Die Ukraine war als Teil der Sowjetunion tats\u00e4chlich ein hochger\u00fcstetes Land, was Wagenknecht nicht zu erw\u00e4hnen vergisst. Doch niemand erw\u00e4hnt die tats\u00e4chlich beispiellose Abr\u00fcstung der Ex-Sowjetrepublik.<\/p>\n<p>Nach dem Zerfall der Sowjetunion blieb die Ukraine mit 1852 Atomsprengk\u00f6pfen als drittgr\u00f6\u00dfte Nuklearmacht zur\u00fcck. Zwar besa\u00df die Ukraine nicht die Codes f\u00fcr den Einsatz der Waffen, doch ein gro\u00dfer Teil des f\u00fcr diese Waffen zust\u00e4ndigen Personals stammte aus der Ukraine und eine v\u00f6llige Inbesitznahme w\u00e4re m\u00f6glich gewesen. Die Ukraine gab die Waffen aber gegen eine Garantie ihrer Grenzen im Memorandum von Budapest 1994 ab. Die Garantiem\u00e4chte des Abkommens waren Russland, Gro\u00dfbritannien und die USA. Danach r\u00fcstete die Ukraine weiter ab. 1998 verschrottete sie 15 strategische Bomber und \u00fcber 500 Marschflugk\u00f6rper. Putin erreicht in Verhandlungen 1999\/2000, dass weitere strategische Bomber und 575 Marschflugk\u00f6rper als Gegenleistung f\u00fcr Schulden aus dem Gasgesch\u00e4ft und Russland gingen. Nach Verhandlungen 1994 wurde der Anteil Russlands an der Schwarzmeerflotte von 50 % auf 80 bis 85 % erh\u00f6ht. Bei der Besetzung der Krim hat Russland nebenher einen guten Teil der verbleibenden ukrainischen Schiffe gestohlen.<\/p>\n<p>2014 annektierte Russland die Krim und unterst\u00fctzte milit\u00e4risch die von ihr initiierte Sezessionsbewegung im Donbas. Trotz dem Minsk II Abkommen endeten die K\u00e4mpfe nie endg\u00fcltig. Indessen verst\u00e4rkte Russland seine Position durch den milit\u00e4rischen Ausbau auf der Krim und die Kertsch-Br\u00fccke. Angesichts dessen versuchte auch die Ukraine ihr Milit\u00e4r zu verst\u00e4rken. Es gab Zusammenarbeit mit westlichen Geheimdiensten, das Parlament erlaubte bis zu 4000 ausl\u00e4ndische Milit\u00e4rausbilder im Land und bekam auch westliche Waffen geliefert. Verglichen mit den Arsenalen Russlands waren diese Lieferungen aber nur Kleinigkeiten.<\/p>\n<p>Ein wichtiges Argument ist immer wieder, die Behauptung, es habe im April 2022 in Istanbul ein fertiger Vertragstext f\u00fcr einen Frieden vorgelegen. Der britische Premier Boris Johnson habe aber bei einem Besuch in Kiew am 9. April 2022 die Ukraine von einer Unterschrift abgehalten. Johnson hat diese Version bestritten. Die New York Times hat den Entwurfstext ver\u00f6ffentlicht und das Scheitern mit einer Klausel in Artikel 5 erkl\u00e4rt, wonach Russland faktisch bei Hilfen im Falle eines neuerlichen Angriffs auf die Ukraine ein Vetorecht einger\u00e4umt wurde.<\/p>\n<p>Eine Einigung um den 15. April w\u00e4re auch einem diplomatischen Wunder gleichgekommen, denn eine Woche zuvor waren aus Moskau noch ganz andere T\u00f6ne zu h\u00f6ren. Am 7. April erkl\u00e4rte Lawrow, dass der ukrainische Vertragsentwurf nicht akzeptable Elemente und pure Propaganda enthalte.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Die Ukraine h\u00e4tte also nach Entdeckung der Morde von Butscha am 2. April und in einer sich f\u00fcr sie rasch bessernden milit\u00e4rischen Lage noch erhebliche Zugest\u00e4ndnisse machen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Die Verhandlungen m\u00fcssen vor dem Hintergrund des damaligen Geschehens gesehen werden. Die Ukraine hatte zwar den ersten Ansturm \u00fcberstanden, aber St\u00e4dte wurden bombardiert und belagert, aus dem Westen kam nur wenig Hilfe. Russlands Blitzkrieg war grandios gescheitert. Die Wirkung westlicher Sanktionen war noch nicht abzusehen. Eine Einigung h\u00e4tte dem Kreml auch wieder Zugriff auf die im Westen eingefrorenen W\u00e4hrungsreserven von ca. 650 Mrd. Dollar verschafft. Zugleich wollte Putin aber offensichtlich nicht auf die Option einer Fortsetzung des Eroberungskrieges verzichten. Dass die Ukraine keinen Vertrag ohne wirksame Sicherheitsgarantien unterschreiben wollte, ist v\u00f6llig nachvollziehbar. Wie Johnson die Ukraine zur Fortsetzung des Krieges h\u00e4tte zwingen k\u00f6nnen, so er dies vorhatte, ist unklar.<\/p>\n<p>Zwei Vorw\u00fcrfe muss sich die Friedensbewegung gefallen lassen. Zum einen, dass die atomare Abr\u00fcstung der Ukraine \u00fcberhaupt nicht gew\u00fcrdigt wird. Der zweite ist, zu \u00fcbersehen, dass hier eine Atommacht, den Umstand, dass sie Atomwaffen einsetzen k\u00f6nnte, gebraucht, um sich in einem konventionellen Krieg Vorteile zu verschaffen. Das k\u00f6nnte Schule machen und noch mehr Staaten dazu veranlassen, selbst nach atomarer Bewaffnung zu streben und sei es nur um nicht zur n\u00e4chsten Ukraine zu werden.<\/p>\n<p><strong>No war but class war?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist also offensichtlich, dass viele Friedensbewegte neben grundlegenden pazifistischen Argumenten teilweise fragw\u00fcrdige Narrative zur Vorgeschichte des Kriegs bedienen.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber versuchen einige linksradikale Kritiker:innen von Waffenlieferungen den Krieg in der Ukraine in ihr Weltbild von Klassenkampf, Antiimperialismus und Staatskritik zu integrieren. In Abgrenzung zum Begriff des Pazifismus wird dabei ein \u201eAntimilitarismus\u201c propagiert, der nicht nur den Krieg, sondern dar\u00fcber hinaus die bestehende Gesellschaft als eine gewaltf\u00f6rmige analysiert, so etwa die Jour Fixe Initiative Berlin: \u201eDas aktuelle Kriegsregime bedeutet das Ende der falschen Erz\u00e4hlung einer gewaltlosen b\u00fcrgerlichen Gesellschaft. Die Militarisierung des Lebens seit Beginn des Ukrainekrieges bringt die Gewaltf\u00f6rmigkeit der kapitalistischen Gesellschaften ins Offene.\u201c<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> In einem Interview f\u00fchrt Elfriede M\u00fcller von derselben Initiative aus, wie zudem die Militarisierung der Gesellschaft in Folge der Waffenlieferungen an die Ukraine \u201eeine konservative, reaktion\u00e4re, staatstragende Politik\u201c erm\u00f6gliche, weil sich in Zeiten des Krieges eben immer eine Homogenisierung und Formierung durchsetzen lasse und soziale Errungenschaften geschliffen werden.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Aussagen aus dem Baukasten linker Staatskritik, die immer ein Punkt treffen. Doch welche Erkenntnis bieten sie angesichts einer Formierung durch rechte und linke Positionen, wonach Waffen- und Finanzhilfen an die Ukraine wahlweise einem Diebstahl am deutschen Volk oder der Vernachl\u00e4ssigung sozial Schwacher hierzulande gleichk\u00e4men? Sp\u00e4testens mit den Wahlerfolgen von AFD und BSW bei den Landtagswahlen in Th\u00fcringen und Sachsen ist \u201eFrieden\u201c eine Chiffre f\u00fcr diesen Nationalchauvinismus geworden.<\/p>\n<p>Wenn aber bereits die indirekten Folgen der Kriegstreiberei all das Schlechte dieser Gesellschaft forciere, dann erfordere das massenhafte Sterben erst recht eine \u00c4quidistanz zu allen Kriegsparteien, vornehmlich zum \u201eHauptfeind im eigenen Land\u201c, wie diverse antimilitaristische Gruppen derzeit gerne \u00e4ltere proletarische Traditionen bem\u00fchen und Karl Liebknecht zitieren: \u201eGenug und \u00fcbergenug der Metzelei! Nieder mit den Kriegshetzern diesseits und jenseits der Grenze!\u201c <a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Vielleicht ist es kein Zufall, dass hierbei an den ersten und nicht den zweiten Weltkrieg erinnert wird. Um jedenfalls gar nicht erst den Unterschied zwischen einem Angriffs- und einem Verteidigungskriegs diskutieren zu m\u00fcssen, werden umfangreiche materialistische Analysen der Hintergr\u00fcnde des Kriegs sowie der Klassengesellschaften der beiden Kriegsparteien geliefert. Ausf\u00fchrlich zeichnet etwa Freerk Huisken den Ukraine-Krieg als ein Krieg zweier kapitalistischer Weltm\u00e4chte nach. Nachdem die USA nach 1990 die Regeln einer friedensbasierten Weltordnung zum eigenen Vorteil diktiert habe, habe Russland nun \u2013 nachdem es sich zunehmend innerhalb dieser Staatenkonkurrenz in Hintertreffen gesehen habe \u2013 den gleichen Dominanzanspruch wie die USA eingefordert, nur eben nun milit\u00e4risch. Die Emp\u00f6rung des Westens \u00fcber diesen Schritt sei pure demnach Heuchelei: \u201eDie Wiederherstellung der imperialistischen Friedensordnung durch Kriege wie den, den der Westen die Ukraine gegen Russland f\u00fchren l\u00e4sst, restauriert folglich immer nur Verh\u00e4ltnisse, an deren weiter bestehenden Kriegstr\u00e4chtigkeit kein Zweifel bestehen kann. Krieg und Frieden sind eben nichts anderes als alternative Formen der Austragung der Staatenkonkurrenz.\u201c<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Im Gegensatz zu manch anderen Nato-KritikerInnen geht Huisken nicht davon aus, dass der Westen in irgendeiner Weise Russland milit\u00e4risch bedroht habe. Im Gegenteil, dem Westen sei es an der Aufrechterhaltung des Friedens gelegen, freilich eines Friedens, der angesichts diverser Rahmenbedingungen wie der Existenz des Dollars als Leitw\u00e4hrung, eben eher der USA ihre Vormachtstellung sichere. Unbestritten hat der Westen bzw. die USA seit 1990 die Rahmenbedingungen im globalen Weltmarktgemetzel zu eigenen Gunsten zu diktieren versucht. Bei Huiskens Ausf\u00fchrungen erscheint Russlands Invasion aber als zwangsl\u00e4ufige Folge dieser Konkurrenz, einen qualitativen Unterschied oder Bruch scheint es nicht zu geben.<\/p>\n<p>Derartige Versuche, den Krieg in der Ukraine in grundlegende Theorien des globalen Kapitalismus einzupassen, neigen vielmehr dazu, die handelnden Subjekte zum Verschwinden zu bringen, so Stefanie H\u00fcrtgen in einem bedenkenswerten Artikel: \u201eMit der Einsch\u00e4tzung, dass die westliche Welt, namentlich die USA, das Geschehen dort vor und im Krieg bestimmt haben, und dass sich der Verteidigungskrieg der Ukrainer*innen bei n\u00e4herer Betrachtung als Kampffeld des Westens gegen den Osten erweisen w\u00fcrde, verschwindet die Ukraine als eigenst\u00e4ndiges \u201eSubjekt\u201c von der Weltb\u00fchne. Ukrainische Regierung wie Bev\u00f6lkerung sind nach dieser Lesart ein Spielball der Gro\u00dfm\u00e4chte, blo\u00dfe Agenturen des Westens.\u201c<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> Diese Perspektive wurde ja schon 2004, im Kontext der sogenannten orangenen Revolution oder 2014 des Euromaidan gerne mit Verweis auf westliche Interessen stark gemacht, als ob der Nachweis von westlichem Interesse ein ausreichendes Kriterium w\u00e4re, um die Menschen und die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse in der Ukraine beurteilen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Allenfalls tauchen Menschen immer dann auf, wenn sie Umfragen gem\u00e4ss kriegsm\u00fcde geworden seien und als Beleg daf\u00fcr dienen k\u00f6nnen, dass nur der Westen und seine Marionetten den Krieg \u00fcberhaupt noch f\u00fchren wollen. Auf die Idee, dass viele Menschen l\u00e4ngst am Westen und der unzureichenden milit\u00e4rischen Unterst\u00fctzung verzweifeln und allein deshalb territoriale Zugest\u00e4ndnisse im Gegenzug zum Kriegsende bef\u00fcrworten w\u00fcrden, kommen solcherlei Analysen jedoch nicht. \u00c4u\u00dferst selektiv werden \u00fcberdies jene wenigen legitimen Stimmen rezipiert, die von Anbeginn des Angriffskrieges zur legitimen Desertation aufrufen und generell das Regime in Kiew als neoliberal-kapitalistisch bezeichnen, von dubiosen prorussisch- \u201ekommunistischen\u201c Kleinstgruppen ganz zu Schweigen.<\/p>\n<p>Dass jedoch die vielen anderen Stimmen aus sozialen Bewegungen und Gewerkschaften ignoriert werden, die trotz ihrer Kritik an den grundlegenden sozialen Verh\u00e4ltnissen einschlie\u00dflich der unter Kriegsrecht versch\u00e4rften repressiven Gesetzgebungen in der Ukraine dennoch massive Waffenlieferungen vom Westen fordern, befremdet doch sehr.<\/p>\n<p>Die Gewerkschaften, mit denen wir im Austausch stehen, hoffen nichts sehnlicher als ein Ende des Krieges und auf eine starke Unterst\u00fctzung durch westliche Gewerkschaften gerade auch nach dem Krieg. Dann, wenn es in der Tat darum gehen wird, die Anspr\u00fcche des erw\u00e4hnten Westkapitals auf reibungslose Gesch\u00e4fte im neuen Markt Ukraine zur\u00fcckzudr\u00e4ngen und soziale Rechte in der Ukraine auszubauen.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote8sym\" id=\"sdfootnote8anc\"><sup>8<\/sup><\/a> Mit ihrer Forderung nach Waffenlieferungen geht es Ihnen keineswegs darum, dass Russland vollst\u00e4ndig \u201ebesiegt\u201c werden, oder um keinen Preis territoriale Zugest\u00e4ndnisse gemacht werden sollen.<\/p>\n<p>Waffen zu fordern, resultiert hier zum einen aus der n\u00fcchternen Einsch\u00e4tzung, dass nur eine relevante milit\u00e4rische Antwort auf das aggressive Moskauer Regime \u00fcberhaupt halbwegs akzeptable Verhandlungen bzw. Verhandlungsergebnisse mit sich bringen k\u00f6nnen. Zum anderen herrscht hier die tiefe \u00dcberzeugung vor, dass die Bedingungen f\u00fcr eine weitere gesellschaftliche Emanzipation in der Ukraine bei einem Sieg Russlands unter den dann wahrscheinlich herrschenden \u201ebelarussischen\u201c Bedingungen auf Jahrzehnte verunm\u00f6glicht werden.<\/p>\n<p><strong>Das Herumlavieren um die offenen Fragen<\/strong><\/p>\n<p>Aus den hier skizzierten blinden Flecken der Kritik an Waffenlieferungen ergibt sich keineswegs, dass damit alle Zweifel vom Tisch zu wischen w\u00e4ren angesichts des massenhaften Sterbens von ZivilistInnen und SoldatInnen. Allein, die Analyse der teilweise recht schr\u00e4gen und auf Falschinformation basierenden Argumentation vieler Kriegsgegner:innen legen den Schluss nahe, das ungeheuerliche Fragen um jeden Preis vermieden werden m\u00fcssen, weil sie nicht ins jeweilige linke Weltbild passen: Was, wenn ein Regime wirklich Krieg f\u00fchren will? Was wenn es das tut, weil es auf wenig oder unzureichende Gegenwehr zu treffen glaubt? Was wenn an der Abschreckungsdoktrin etwas Wahres dran ist, auch wenn sich dies im falschen Ganzen (globaler Kapitalismus) abspielt. Ein falsches Ganze, das allerdings leider Realit\u00e4t ist und zumindest mittelfristig nicht verschwinden wird.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich gibt es aber auch einzelne Stimmen, die anstelle ideologischer Rummogelei offen und mutig aussprechen, die Ukraine m\u00fcsse nun kapitulieren damit endlich keine Menschen mehr sterben, egal wie hoch der Preis an gesellschaftlichem R\u00fcckschritt auch seien wird.<\/p>\n<p>Dass der Preis hoch seinen wird, kann nur leugnen, wer wie Wagenknecht den Angriff auf die Ukraine ja ohnehin nur als Reaktion Putins auf den Westen deutet und nicht auch als eine \u201eEskalation reaktion\u00e4rer Gewalt gegen jede progressive Ver\u00e4nderung im postsowjetischen Raum\u201c. <a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote9sym\" id=\"sdfootnote9anc\"><sup>9<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Eine erstaunlich illusionslose und reflektierte Diskussion ist auf der Plattform Angryworkers direkt nach Beginn des Krieges erschienen. Hier wird unter anderem die Frage nach der Alternative von Waffenlieferungen gestellt, obgleich diese schlie\u00dflich abgelehnt werden: \u201eIst es realistisch, den Arbeiter:innen in der Ukraine zu raten, den russischen Staat einfach seine Marionettenregierung durchsetzen zu lassen und dann zu eigenen Bedingungen f\u00fcr ihre Freiheit zu k\u00e4mpfen? Kann man sich unter den Voraussetzungen eines imperialistischen Polizeistaats einfach neu organisieren.\u201c<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote10sym\" id=\"sdfootnote10anc\"><sup>10<\/sup><\/a> Fragen von seltener Offenheit angesichts des naiven Schablonendenkens der hier vorgestellten Kriegskritik.<\/p>\n<p><em>[Dieser Text ist zuerst am 17.September 2024<a href=\"https:\/\/taz.de\/!6034147\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/taz.de\/!6034147\/\"  rel=\"noreferrer noopener\"> in der TAZ<\/a> als Debattenbeitrag in stark gek\u00fcrzter Form erschienen]<\/em><\/p>\n<p>Zu den Autoren:<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/holgerschatz.net\/\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/holgerschatz.net\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Holger Schatz<\/a><\/em> arbeitet f\u00fcr eine internationale Gewerkschaft, die viele ukrainische Seeleute organisiert und mit ukrainischen und anderen post-sowjetischen Transportarbeitsgewerkschaften kooperiert.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/jungle.world\/autorin\/jan-keetman\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/jungle.world\/autorin\/jan-keetman\"  rel=\"noreferrer noopener\">Jan Keetman<\/a><\/em>, freier Journalist<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> https:\/\/www.reuters.com\/world\/europe\/russia-says-ukraine-presented-unacceptable-draft-peace-deal-2022-04-07\/ <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Zwei aktuelle B\u00fccher versuchen den Pazifismus gegen derlei Dummheiten zu verteidigen. So kritisiert etwa Pascal Beucker in \u201ePazifismus \u2013 ein Irrweg?\u201c die fehlende Distanzierung der Friedensbewegung vom Angriffskriegs Putin und nennt die Position, selbst defensive Luftabwehrsysteme der Ukraine zu verweigern, zynisch. Was aber ganz konkret im aktuellen Konflikt realistisch zu fordern w\u00e4re, bleibt ebenso unbestimmt wie bei Jan van Akens differenziertem Pl\u00e4doyer f\u00fcr Friedensdiplomatie in \u201eWorte statt Waffen\u201c. Dabei fordert er eigentlich mehrfach \u2013 ohne es auszusprechen \u2013 auch Waffenlieferungen. Z.B., wenn er die \u201evertane Chance\u201c auf Friedensverhandlungen nach der R\u00fcckeroberung u.a. von Cherson im Herbst 2022 bedauert. Das \u201eMomentum\u201c sei damals auf Seiten der Ukraine gewesen und aus dieser Position der St\u00e4rke w\u00e4ren Verhandlungen realistisch gewesen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> www.jourfixe.net\/veranstaltungsreihe\/gegengewalt<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> <a href=\"http:\/\/www.freie-radios.net\/130155\"  rel=\"noreferrer noopener\">www.freie-radios.net\/130155<\/a>, ab Minute 53<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote5anc\" id=\"sdfootnote5sym\">5<\/a> www.marx21.de\/ukraine-konflikt-russland-usa-nato-hauptfeind-steht-im-eigenen-lager\/<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote6anc\" id=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Freerk Huisken (2023). Frieden. Eine Kritik. Hamburg, S. 147<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote7anc\" id=\"sdfootnote7sym\">7<\/a> www.sozonline.de\/2022\/12\/welchen-charakter-traegt-der-krieg-russlands-gegen-die-ukraine\/<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote8anc\" id=\"sdfootnote8sym\">8<\/a> https:\/\/rev.org.ua\/to-foreign-politicians-justice-for-ukrainian-workers\/<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote9anc\" id=\"sdfootnote9sym\">9<\/a> https:\/\/www.akweb.de\/autor-in\/dietmar-lange\/<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/#sdfootnote10anc\" id=\"sdfootnote10sym\">10<\/a> https:\/\/communaut.org\/de\/fragmente-zum-krieg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die blinden Flecken des Antimilitarismus angesichts des Kriegs in der Ukraine von Holger Schatz und Jan Keetman Sp\u00e4testens mit den Wahlerfolgen von AFD und BSW bei den Landtagswahlen in Th\u00fcringen und Sachsen ist \u201eFrieden\u201c eine Chiffre f\u00fcr einen neuen Nationalchauvinismus \u2026 <a href=\"https:\/\/emafrie.de\/frieden-als-metapher-des-nationalchauvinistischen-ressentiments\/\">Weiterlesen <span 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