{"id":65685,"date":"2024-09-22T15:49:22","date_gmt":"2024-09-22T14:49:22","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=9844"},"modified":"2024-09-22T15:49:22","modified_gmt":"2024-09-22T14:49:22","slug":"fluechtlingsprojekt-refugio-der-hechinger-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/09\/fluechtlingsprojekt-refugio-der-hechinger-weg\/","title":{"rendered":"Fl\u00fcchtlingsprojekt \u201cRefugio\u201d \u2013 Der Hechinger Weg"},"content":{"rendered":"<h2 class=\"wp-block-heading\"><\/h2>\n<p>von <em>Lucius Teidelbaum<\/em><\/p>\n<p><em>Asylpolitik muss nicht populistisch sein: In Hechingen am Westrand der Schw\u00e4bischen Alb setzen sich ein CDU-Landrat und ein CDU-B\u00fcrgermeister f\u00fcr ein Vorzeigeprojekt ein, das Gefl\u00fcchtete integriert und eine ver\u00f6dete Innenstadt belebt.<\/em><\/p>\n<p>In Hechingen liegt der Bahnhof am Stadtrand. Zu Fu\u00df dauert es etwa 20 Minuten bis ins h\u00f6her gelegene Zentrum der 20.000-Seelen-Stadt, vorbei an geschlossenen Gesch\u00e4ften und Gastwirtschaften. An vielen Laden-Fenstern h\u00e4ngen ausgebleichte Rabatt-Versprechen, um Kund:innen herein zu locken, doch die Regale sind oft leer. Nach dem notwendigen Fu\u00dfmarsch kommt man schlie\u00dflich in der Oberstadt an. Von der Kirche St. Jakobus geht es zum Obertorplatz, an den das ehemalige Hotel Klaiber anliegt. Das Interieur ist dunkel gehalten, was sich auf den Essens-Saal auswirkt, obwohl eine breite Glasfront den Blick nach drau\u00dfen erm\u00f6glicht. Zu sehen ist ein Spielplatz mit Hindernispfad.<\/p>\n<p>Aus dem alten Hotel ist inzwischen ein Ort namens &#8220;Refugio&#8221; geworden. Ein Jahr lang standen die R\u00e4umlichkeiten leer. Eine hier geplante Tiefgarage kam nicht zustande. Mit Unterst\u00fctzung des Landrats G\u00fcnther-Martin Pauli und des Hechinger B\u00fcrgermeisters Philipp Hahn, beide CDU, konnte stattdessen ein bemerkenswertes Projekt entstehen.<\/p>\n<p><span id=\"more-9844\"><\/span><\/p>\n<p>Eine Tafel im Schaufenster erl\u00e4utert die drei Funktionen des Refugio. Erstens: Es ist eine Gemeinschaftsunterkunft f\u00fcr Asylbewerber:innen in der vorl\u00e4ufigen Unterbringung. Zweitens: Es ist ein Integrations- und Begegnungszentrum. Drittens: Es ist ein \u00f6ffentliches Caf\u00e9 und Restaurant.<\/p>\n<p>Anspruch sei es, die Bewohner:innen mit anzustellen, sagt Almut Petersen vom \u00f6rtlichen Arbeitskreis Asyl. Der Arbeitskreis besteht seit \u00fcber 30 Jahren und ist seit Oktober 2016 ein eingetragener Verein. Petersen agiert als eine Art Mutter Courage und ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin des Projektes. Sie ist &#8220;nicht unzufrieden&#8221; mit der Entwicklung des Refugio. Es habe ein gro\u00dfer Notstand geherrscht, was die Unterbringung von Gefl\u00fcchteten anging. Im Oktober 2023 kam es zu einem Brainstorming der Fraktionsvorsitzenden im Gemeinderat und dabei sei die erste Idee entstanden, das alte Hotel umzunutzen. Zusammen mit dem AK Asyl wurde dann ein Konzept erarbeitet, um den Leerstand wieder mit Leben zu f\u00fcllen, und dem Landratsamt pr\u00e4sentiert, das mit den Eigent\u00fcmern Kontakt aufnahm. Im Dezember 2023 wurden eine Kooperationsvereinbarung und der Kaufvertrag unterschrieben.<\/p>\n<p><strong>Breites Programm, bunte Speisekarte<\/strong><\/p>\n<p>Am 4. Januar 2024 gab es das erste Pressegespr\u00e4ch im Hotelgeb\u00e4ude und den ersten Deutschkurs vier Tage sp\u00e4ter. Kurz darauf seien laut Petersen die ersten acht Bewohner:innen aus Syrien eingezogen. Am Anfang habe noch Chaos geherrscht, aber schon zu Ostern habe man eine Au\u00dfengastronomie er\u00f6ffnet und am 7. April einen Tag der Offenen T\u00fcr ausgerichtet. Neben dem gastronomischen Betrieb und den Deutschkursen mit 60 bis 100 Sch\u00fcler:innen gibt es im Refugio auch eine Eltern-Kind-Gruppe, die sich hier trifft. Es finden auch Themenabende statt, bei denen etwa Gefl\u00fcchtete erz\u00e4hlen, wie es in Syrien vor dem Krieg gewesen ist.<\/p>\n<p>Inzwischen wohnen im Refugio 22 Menschen, davon vier Frauen und zwei Babys. Die Bewohner:innen stammen aus Gambia, Guinea, Togo, Syrien und der T\u00fcrkei. Insgesamt k\u00f6nnen bis zu 40 Asylbewerber:innen untergebracht werden. Das Refugio hat sich inzwischen auch als Restaurant etabliert. Pro Woche werden im Schnitt 300 Essen ausgegeben. T\u00e4glich kommen zwischen 20 und 40 Leute zum Mittagessen vorbei. Angeboten werden Speisen aus den Herkunftsl\u00e4ndern der Bewohner:innen.<\/p>\n<p>So stehen auf der Speisekarte westafrikanisches Essen, syrisches Essen und ukrainisches Essen, aber auch schw\u00e4bisches Essen, weil der aus Gambia beziehungsweise Mauretanien stammende Koch bei einem schw\u00e4bischen Gastronomen ausgebildet wurde. Er ist im Refugio fest angestellt. Das Morgencaf\u00e9 wird hingegen ehrenamtlich von den Deutsch-Sch\u00fcler:innen betrieben, die durch den Umgang mit G\u00e4sten ihr Deutsch \u00fcben k\u00f6nnen. Au\u00dferdem helfen im Refugio \u00fcber 30 Ehrenamtliche aus Hechingen mit.<\/p>\n<p>Wer montags im Refugio einkehrt, kann durch die Glaswand ein ganz besonderes Spektakel beobachten. Dann finden in Hechingen kleine AfD-Demonstrationen statt. Das Refugio h\u00e4lt ab 17 Uhr mit dem Abendessen &#8220;Montags f\u00fcr Menschlichkeit&#8221; dagegen. Inzwischen laufen nur noch um die 15 Personen bei den AfD-Aktionen mit. Trotzdem erhielt die Partei bei den Gemeinderatswahlen im Juni 17,14 Prozent der Stimmen in Hechingen und stellt seitdem sechs Gemeinder\u00e4te.<\/p>\n<p><strong>&#8220;Warmkuscheln gegen kalte Politik&#8221;<\/strong><\/p>\n<p>Am Samstag, 14. September, ist der Obertorplatz belebter als sonst. Das Refugio feiert ein Herbstfest, was im Internet mit dem Satz &#8220;Lasst uns warmkuscheln gegen kalte Politik&#8221; beworben wird. Urspr\u00fcnglich als Sommerfest angek\u00fcndigt wurde es nach dem pl\u00f6tzlichen K\u00e4lteeinbruch zum Herbstfest umgewidmet.<\/p>\n<p>Almut Petersen bedankt sich \u00fcber das Mikrofon von der B\u00fchne, die an diesem Tag auf dem Obertorplatz aufgebaut ist. Man habe f\u00fcr das Herbstfest schon am Vortag stundenlang gekocht und gebraten. Am Ende sind es \u00fcber 150 Menschen, die gekommen sind um mitzufeiern und zu helfen. Es gibt Musik, eine Zaubershow, eine Feuershow und nat\u00fcrlich reichlich Essen und Trinken.<\/p>\n<p>An der Essensausgabe steht Emilio Koffi (40) aus Togo. Er ist vor sechs Monaten nach Deutschland gekommen und wohnt seitdem im Refugio. In der Heimat war er Kellner, nun ist er das im Refugio.<\/p>\n<p>Leonie Schneider-Loye (50) sitzt als Ehrenamtliche an der Kasse. Die stellvertretende Schulleiterin am Beruflichen Schulzentrum in Hechingen hat sich bereits mit 13 Jahren bei &#8220;Amnesty International&#8221; engagiert und ist heute beim AK Asyl aktiv. Sie sagt zu dem Projekt: &#8220;Das ist die einzige Art, wie das funktionieren kann.&#8221; Und sie meint: &#8220;Ich glaube, dass man hier viele unglaublich spannende Menschen kennen lernt, unabh\u00e4ngig von der Hautfarbe.&#8221; Schneider-Loye findet es sehr mutig vom Landrat und dem B\u00fcrgermeister, das Projekt zu unterst\u00fctzen. Parallel m\u00fcsse man in Bildung, besonders in das Erlernen der deutschen Sprache investieren. Man brauche die Menschen in der Pflege, im Hotel- und Gastronomie-Gewerbe.<\/p>\n<p><strong>Ausstellung zu den Fluchtgeschichten<\/strong><\/p>\n<p>Am Tisch vor dem Refugio sitzen zwei \u00e4ltere Damen, Barbara S. mit einer Freundin. Auch Barbara ist begeistert von dem Projekt. Es sei &#8220;ein Riesengewinn f\u00fcr Hechingen&#8221;. Ihrer Meinung nach habe Hechingen schon immer eine gute Asylpolitik gemacht. Beide freuen sich, dass der Obertorplatz belebt wird und der Betrieb im ehemaligen Hotel weiter geht.<\/p>\n<p>Ahmed Haider aus Syrien, 38 Jahre alt, gibt Eiskugeln an Kinder aus. Auch er lebt seit einem halben Jahr im Refugio. Er ist verheiratet und hat drei T\u00f6chter, die noch in Syrien sind. In einer Ausstellung \u00fcber die Bewohner:innen, zu sehen in einem ehemaligen Lotto-Laden, ist zu lesen, dass Haider im syrischen Krieg enge Familienangeh\u00f6rige verloren hat.<\/p>\n<p>Zwei von drei Machern der Ausstellung sind auch zum Herbstfest gekommen. Der 64-j\u00e4hrige Albert Kunze nennt das Refugio einen &#8220;absoluten Leuchtturm&#8221;. Mit-Ausstellungs-Macher Gebhard Stein (72) ist auch vor Ort. Nur der Dritte fehlt, der Fotograf Wolfgang Schmid (63). In Kooperation mit den Refugio-Bewohner:innen haben sie auf gro\u00dfen Tafeln Portr\u00e4ts erstellt, in denen ihre Flucht-Geschichte vorgestellt wird. Daf\u00fcr haben sie Interviews gef\u00fchrt, mit einem \u00dcbersetzer, der als Kind selbst 2015 aus Syrien nach Hechingen gekommen ist.<\/p>\n<p>Stein meint, in der Hechinger Bev\u00f6lkerung sei ein Drittel gegen das Projekt, einem Drittel sei es egal und ein Drittel finde es gut. Mit der Ausstellung versuche man, das Drittel der Unentschlossenen zu erreichen. Oft h\u00e4tten die Leute &#8220;von der Fluchtrealit\u00e4t keinen blassen Schimmer&#8221;.<\/p>\n<p>Das Refugio in Hechingen k\u00f6nnte als &#8220;Hechinger Weg&#8221; zukunftsweisend f\u00fcr \u00e4hnliche Projekte sein. Beispielhaft f\u00fcr einen partizipatorischen und integrativen Umgang mit Gefl\u00fcchteten anstelle von Menschenmaterial-Fremdverwaltung. Statt isolierter und besch\u00e4ftigungsloser Unterbringung am Stadtrand eine Unterbringung in der Stadtmitte und eigene Projekte. Gerade f\u00fcr Klein- und Mittelst\u00e4dte, die unter Ver\u00f6dung leiden, w\u00e4re es eine Chance, den innerst\u00e4dtischen Raum wiederzubeleben.<\/p>\n<h4 class=\"wp-block-heading\">[zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/gesellschaft\/703\/der-hechinger-weg-9740.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/gesellschaft\/703\/der-hechinger-weg-9740.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">Kontext: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 703 am 18. September 2024]<\/h4>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Lucius Teidelbaum Asylpolitik muss nicht populistisch sein: In Hechingen am Westrand der Schw\u00e4bischen Alb setzen sich ein CDU-Landrat und ein CDU-B\u00fcrgermeister f\u00fcr ein Vorzeigeprojekt ein, das Gefl\u00fcchtete integriert und eine ver\u00f6dete Innenstadt belebt. 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