{"id":65751,"date":"2024-10-13T10:26:53","date_gmt":"2024-10-13T09:26:53","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=9878"},"modified":"2024-10-13T10:26:53","modified_gmt":"2024-10-13T09:26:53","slug":"universen-auf-kollisionskurs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/10\/universen-auf-kollisionskurs\/","title":{"rendered":"Universen auf Kollisionskurs"},"content":{"rendered":"<p><strong>In Stuttgart gibt es auch einen Hauptbahnhof, der funktioniert<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p><em>Stuttgart gibt viel Geld aus, um auf dem Gebiet der Kultur wettbewerbsf\u00e4hig zu bleiben. Kunst wird zum Vehikel f\u00fcr Marketing degradiert \u2013 w\u00e4hrend Meisterwerke wie das Stadtmodell von Wolfgang Frey vor dem finanziellen Aus stehen.<\/em><\/p>\n<p>Wo die Wirklichkeit einen zerr\u00fctteten Eindruck macht, sind Paralleluniversen besonders verlockend. &#8220;Das Strafgericht Gottes ist der Bau des neuen Stuttgarter Bahnhofs und verw\u00fcstet die gesamte Innenstadt&#8221;, urteilte \u00c4sthetikpapst Bazon Brock, als er Baden-W\u00fcrttembergs Landeshauptstadt 2018 einen Besuch abstattete. Deren Erscheinungsbild ist seit geraumer Zeit von aufwendigen Umgrabungsarbeiten gepr\u00e4gt, die f\u00fcr das Projekt Stuttgart 21 anfallen. Im Herzen der Stadt klaffen gewaltige Baugruben. Der eigentlich denkmalgesch\u00fctzte Bonatzbau am Bahnhof wurde entkernt und auf eine Fassade reduziert, er ist inzwischen eine Attrappe seiner selbst \u2013 aus der bisweilen metergro\u00dfe Steinbrocken herausbrechen, die hoffentlich auf keinen K\u00f6pfen landen.<\/p>\n<p><span id=\"more-9878\"><\/span><\/p>\n<p>Seit Brocks Besuch vor sechs Jahren hat sich am Tatort des Geschehens wenig zum Sch\u00f6neren gewandelt. Die Stadt begr\u00fc\u00dft per Bahn anreisende G\u00e4ste noch immer, als sollten sie verjagt werden. Doch direkt auf der gegen\u00fcberliegenden Stra\u00dfenseite ist die Welt noch in Ordnung: In einem Geb\u00e4ude, das fr\u00fcher Hindenburgbau hie\u00df und heute keinen Namen mehr tr\u00e4gt, pr\u00e4sentieren die Miniaturwelten Stuttgart, wie der Bahnhof mit seinem Gleisfeld und der Gegend rundherum einmal ausgesehen hat. Auf 180 Quadratmetern erbaute der 2012 verstorbene Wolfgang Frey in 30 Jahren eine originalgetreue Replik, die zugleich das gr\u00f6\u00dfte Stadtmodell Europas ist und weltweit einmalig in ihrer Detailversessenheit. Als Brock, emeritierter Professor f\u00fcr Kunst, \u00c4sthetik und Kulturvermittlung, die Anlage zum ersten Mal sah, war er &#8220;wirklich begeistert \u00fcber einen solchen Fund \u2013 man kommt nach Stuttgart und denkt, naja, das wird das \u00dcbliche sein, und dann sieht man pl\u00f6tzlich das Grandioseste, was es in der Kunst der Gegenwart gibt.&#8221;<\/p>\n<p>Der Berufs\u00e4sthet konnte kaum glauben, dass es sich um das Werk eines Einzelnen handelt \u2013 was nur m\u00f6glich ist durch vollkommene Selbstaufgabe: In einem fensterlosen Hobbybunker ohne Frischluftzufuhr arbeitete Frey zigtausende Stunden an seinem Lebensprojekt. Dabei soll er Unmengen geraucht und getrunken haben. F\u00fcr pers\u00f6nliche Noten lie\u00df ihm sein Auftrag keinen Spielraum: Die m\u00f6glichst wirklichkeitsgetreue Imitation der Welt im Ma\u00dfstab 1 zu 160 gestattet keine Abweichung. &#8220;Die vielger\u00fchmte Schaffensfreude hat hier ihre kindlichen Wurzeln l\u00e4ngst hinter sich gelassen und das Stadium multiresistenter Professionalisierung erreicht&#8221;, diagnostizierte der <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/kultur\/702\/kunst-als-wartezubehoer-9733.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">k\u00fcrzlich verstorbene Stuttgarter K\u00fcnstler Harry Walter<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/begleitbuero.de\/wp-content\/uploads\/Vortrag-Oberwelt-Drei-erfolgreich-gescheiterte-Lebenswerke.pdf\"  rel=\"noreferrer noopener\">Walter und das Stuttgarter Observatorium urbaner Ph\u00e4nomene<\/a> (Soup) waren fasziniert von Freys Akribie und der Rigorosit\u00e4t, mit der er sich seinem Vorbild, der Realit\u00e4t, unterwarf. Diese Art der Modellbahnpraxis repr\u00e4sentiere Walter zufolge &#8220;die vollkommene Identit\u00e4t von Autonomie und Fremdbestimmung, von Herr und Knecht, von Produzent und Rezipient&#8221;. Ein Fertigwerden w\u00e4re dabei gleichbedeutend mit dem Scheitern: &#8220;Der Sinn dieser Anlage bestand ja genau darin, mit jeder L\u00f6sung neue Probleme zu schaffen, um so die eigene Lebenszeit bis zum Rand mit Inhalt aufzuf\u00fcllen.&#8221;<\/p>\n<p><strong>Das Modell wuchert ins Schlafzimmer<\/strong><\/p>\n<p>Freys Paralleluniversum ist dabei kein gew\u00f6hnlicher Fluchtraum im Sinne eines heilen Idylls ohne Risse, sondern verh\u00e4lt sich so originalgetreu, dass die 1.500 Miniaturz\u00fcge sogar einem alten Fahrplan der Bahn in Echtzeit folgen \u2013 auch wenn diese P\u00fcnktlichkeit aus heutiger Sicht nat\u00fcrlich sehr unrealistisch geworden ist. Doch das Modell ist Zeugnis einer Zeit, in der man die Deutsche Bahn noch als intakt bezeichnen konnte. Dass Frey etwas am Erhalt dieses Zustands lag, spiegelt sich in seiner Haltung zu S 21: &#8220;Mir nimmt niemand meinen Bahnhof und meine Gleise weg&#8221;, kommentierte er einmal. Offenbar war hier die Schmerzgrenze erreicht, wie weit er der Realit\u00e4t zu folgen bereit war \u2013 w\u00e4hrend er an anderer Stelle aus Radiergummi modellierte Grabsteine mit feinsten Faserstiften beschriftete, damit die Namen auf seinem Pragfriedhof dem realen Vorbild entsprechen.<\/p>\n<p>Frey wurde nur 51 Jahre alt. Er hatte nicht nur Stuttgart, sondern auch seinen Arbeitsplatz nachgebaut. &#8220;Die quietschgelben Steuerkonsolen, die tchibobraune Wandverkleidung, die gelochten und mit Strahlern ausgestatteten Deckenpanele sowie die aus Tausenden von Einzelteilen zusammengesetzte Stelltafel waren aber keine blo\u00dfe Kulisse&#8221;, berichtet Walter. Es handelte sich tats\u00e4chlich um ein funktionst\u00fcchtiges Stellwerk in Originalgr\u00f6\u00dfe. &#8220;Dass dieser Raum nur dazu dienen sollte, die Modelleisenbahn eines Privatmannes zu steuern, schien vielen unfassbar.&#8221;<\/p>\n<p>Einiges deutet darauf hin, dass die Arbeit in der Freizeit ihm sogar wichtiger war als die Arbeit im Beruf. Laut Walter schulte der fr\u00fchere Delikatesswarenh\u00e4ndler Frey vor allem deswegen zum Stellwerksbeamten um, damit er an die Pl\u00e4ne der komplizierten Trassenf\u00fchrung des Stuttgarter Bahngel\u00e4ndes herankam. Weil Frey aufgrund seiner Obsession chronisch \u00fcbern\u00e4chtigt war, ist zudem zu h\u00f6ren, dass er bei seiner eigentlichen Arbeit oft zu sp\u00e4t kam. Dabei hatte Frey sich, wie Walter beschreibt, in einem kleinen Nebenraum seines Hobbybunkers extra &#8220;eine Schlafstatt eingerichtet, die im Wesentlichen aus Bettcouch, Nachttisch und einem darauf abgestellten R\u00f6hrenfernseher bestand, der sp\u00e4ter, als auch in diesen Raum die Modelleisenbahn hineinwucherte, als deren St\u00fctze diente&#8221;.<\/p>\n<p><strong>Die Ein-Mann-Pyramide<\/strong><\/p>\n<p>In einem Essay \u00fcber die Ergebnisse soldatischer Bastelfreude zu Weltkriegszeiten stellte Walter einmal ganz allgemein fest, dass M\u00e4nner in ihrer Freizeit gerne an etwas herumwerkeln, &#8220;das keinen speziellen Nutzen zu haben braucht, auf das sie am Ende aber doch irgendwie stolz sein k\u00f6nnen&#8221;. Dabei gilt die Weltformel: je gr\u00f6\u00dfer, desto imposanter. &#8220;Ein aus einer Million gek\u00f6pfter Streichh\u00f6lzer zusammengeklebtes Schlachtschiff w\u00e4re beispielsweise nur noch mit leerem Staunen quittierbar&#8221;, meint Walter. &#8220;\u00dcberw\u00e4ltigt allein schon durch die in ein solches Objekt investierte Arbeitsleistung, m\u00fcsste der Betrachter letztendlich kapitulieren.&#8221;<\/p>\n<p>Unter Handwerkskundigen scheint Freys Kleinstadt den Kniefall zu erzwingen. Kunstprofessor Brock w\u00fcrde am liebsten schreien, glaubt aber, dass es schon die Stimmgewalt einer Oper br\u00e4uchte, um das Werk angemessen zu w\u00fcrdigen: &#8220;Das ist besser als jede Madonnendarstellung der katholischen Kirche und wenn man Vernunft h\u00e4tte, w\u00fcrde man so was in Triumphbogen der Kirchen h\u00e4ngen.&#8221; Die &#8220;Pyramide von Stuttgart&#8221; entz\u00fcckt den Fachmann allerdings nicht allein der investierten Arbeitsstunden wegen, sondern weil er sie f\u00fcr die &#8220;radikalste Form der Kritik an den Gegebenheiten&#8221; h\u00e4lt, &#8220;die man sich \u00fcberhaupt vorstellen kann&#8221;: indem die Welt mit ihrem eigenen Modell konfrontiert wird.<\/p>\n<p>Vom Lego-Spielkind bis zur Diplomingenieurin ist der Modellbau vom Grundgedanken der Weltbeherrschung gepr\u00e4gt. Auf dem Gebiet der Architektur zeigt das Stadtmodell dabei normalerweise das M\u00f6gliche auf, das von der Ebene des Wirklichen ausgehend zur neuen Realit\u00e4t werden soll. &#8220;Hier geht es jetzt von der Wirklichkeit r\u00fcckw\u00e4rts in die M\u00f6glichkeit&#8221;, urteilt Brock \u00fcber Freys Modell, weil es einen intakten Bahnhof in Stuttgart zeigt. M\u00f6glichkeit und Wirklichkeit stimmten einmal \u00fcberein, auch wenn das mit voranschreitendem Zerst\u00f6rungsgrad der alten Realit\u00e4t immer schwieriger vorstellbar wird.<\/p>\n<p>Durch die akribische Nachahmung der Stadt, wie sie einmal war, ist Freys Modell zugleich ein dokumentarischer Vollbeweis, dass Bahn und Politik in Stuttgart viel Geld daf\u00fcr ausgeben, einen funktionierenden Bahnhof kaputt zu machen. An einer Reflexionsgrundlage, wie die Wirklichkeit zu dem wurde, was sie ist, k\u00f6nnen die daf\u00fcr Verantwortlichen nicht interessiert sein. Entsprechend ist der Eifer in der \u00f6rtlichen Politik \u00fcberschaubar, sich f\u00fcr den Erhalt von Freys Anlage einzusetzen. Als der Stuttgarter Gemeinderat Ende vergangenen Jahres \u00fcber den Haushalt beriet, beantragten S\u00d6S und Die Linke, die defizit\u00e4ren Miniaturwelten mit 100.000 Euro zu bezuschussen. Eine Mehrheit fand das nicht, denn in Stuttgart ist Kunstfertigkeit nicht das entscheidende Kriterium, nach dem die Gelder verteilt werden.<\/p>\n<p><strong>Kunst und Markt sind nat\u00fcrliche Feinde<\/strong><\/p>\n<p>&#8220;Der k\u00fcnstlerische Genius will Freude machen, aber wenn er auf einer sehr hohen Stufe steht, so fehlen ihm leicht die Genie\u00dfenden&#8221;, schrieb einmal Friedrich Nietzsche, dessen Gesamtwerk an diesem Ma\u00dfstab gemessen vielleicht etwas zu popul\u00e4r geraten ist. Dennoch liefert der Ansatz eine plausible Erkl\u00e4rung, warum virtuose 12-Ton-Musik nur in Nischen beliebt ist, w\u00e4hrend fortw\u00e4hrend das Schlechte und Falsche in allgemeiner Bewunderung steht. Markt und Kunst sind folglich nat\u00fcrliche Feinde, wo eine Sache um ihrer Selbst willen betrieben wird.<\/p>\n<p>F\u00fcr gro\u00dfe Teile der kommunalen Politik, insbesondere die CDU, scheint allerdings das Wachstum der Wirtschaft der einzige bekannte Selbstzweck zu sein, dem sich alle anderen Lebensbereiche unterzuordnen haben. Kultur wird daher als Vehikel verstanden, sich in der brutalen Konkurrenz des Weltmarkts vorteilhaft zu positionieren. Im &#8220;nationalen und internationalen Wettbewerb&#8221; um die Gunst von Touristen reiche &#8220;allein die Verf\u00fcgbarkeit von kulturellen Attraktionen&#8221; nicht mehr aus, hie\u00df es Ende 2021 in einem Antrag der Union. &#8220;Vielmehr m\u00fcssen Destinationen zur Sicherung von Wettbewerbsf\u00e4higkeit Synergieeffekte zwischen den Sehensw\u00fcrdigkeiten einer Stadt und deren Region schaffen und sich einen Wettbewerbsvorteil durch &#8216;Leuchtt\u00fcrme&#8217; schaffen.&#8221;<\/p>\n<p>Diese mit Marketingjargon infizierten Plattit\u00fcden konnten den Gemeinderat \u00fcberzeugen, 1,5 Millionen Euro f\u00fcr eine zum Zeitpunkt der Entscheidungsfindung nicht weiter konkretisierte &#8220;k\u00fcnstlerische Gro\u00dfinstallation von Weltruf&#8221; bereitzustellen. Das reiht sich ein in eine geltungsbed\u00fcrftige Kulturpolitik: Weil weder Billie Eilish noch Taylor Swift auf ihren Tourneen in Stuttgart vorbeigeschaut haben, soll die Hanns-Martin-Schleyer-Halle durch einen 400 Millionen Euro teuren Neubau ersetzt werden, der auch die ganz Gro\u00dfen lockt.<\/p>\n<p>Wie Komplexe den Prozess der Entscheidungsfindung beeinflussen k\u00f6nnen, verdeutlichte auch der bislang gr\u00f6\u00dfte Auftritt von Freys Miniatur vor einem Millionenpublikum: Im Januar 2019 war sie in der ZDF-Satire &#8220;Die Anstalt&#8221; zu sehen, um zu zeigen, wie der Stuttgarter Bahnhof vor Gottes Strafgericht aussah. In der Sendung wurde auch die CDU-Politikerin Annette Schavan, fr\u00fchere Kultusministerin von Baden-W\u00fcrttemberg, zitiert, warum Stuttgart 21 so wichtig ist: &#8220;Es ging uns in der Landesregierung nat\u00fcrlich auch darum, M\u00fcnchen zu zeigen, was dieses Stuttgart draufhat.&#8221;<\/p>\n<p>Wie eine k\u00fcnstlerische Gro\u00dfinstallation nach konservativem Geschmack aussehen k\u00f6nnte, ist also nicht nur unschwer auszumalen, weil die \u00f6rtliche Union den von Christo verh\u00fcllten Triumphbogen in Paris als Vorbild f\u00fcr ihre Idee benennt. Konsequent w\u00e4re es also, \u00fcber der sch\u00e4ndlichen Bahnhofsruine ein Leichentuch auszubreiten und ein viel zu teures Hinweisschild aufzustellen: &#8220;Der Stuttgarter Hauptbahnhof ist nur ein Ger\u00fccht. Hier gibt es nichts zu sehen.&#8221;<\/p>\n<p>[zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/kultur\/706\/universen-auf-kollisionskurs-9774.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/kultur\/706\/universen-auf-kollisionskurs-9774.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">Kontext: Wochenzeitung<\/a> Ausgabe 706 am 9. Oktober 2024]<\/p>\n<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/ueber-uns\/kontextunterstuetzer.html\"  rel=\"noreferrer noopener\"> <\/a><\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Stuttgart gibt es auch einen Hauptbahnhof, der funktioniert von Minh Schredle Stuttgart gibt viel Geld aus, um auf dem Gebiet der Kultur wettbewerbsf\u00e4hig zu bleiben. 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