{"id":65853,"date":"2024-11-07T12:24:28","date_gmt":"2024-11-07T11:24:28","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=10067"},"modified":"2024-11-07T12:24:28","modified_gmt":"2024-11-07T11:24:28","slug":"kranke-arbeitswelt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2024\/11\/kranke-arbeitswelt\/","title":{"rendered":"Kranke Arbeitswelt"},"content":{"rendered":"<p><em>Wirtschaftsverb\u00e4nde und die Bundesregierung sind sich einig: Die Zahl der Krankheitstage muss reduziert werden. Doch viel spricht daf\u00fcr, dass es den Besch\u00e4ftigten tats\u00e4chlich immer schlechter geht \u2013 und sie sich oft sogar krank zur Arbeit schleppen.<\/em><\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p>Die Deutschen feiern zu viel krank&nbsp;\u2013 diese Behauptung h\u00f6rt man seit einigen Monaten immer h\u00e4ufiger. Zum Beispiel vergangene Woche beim \u00bbArbeitgebertag 2024\u00ab, der j\u00e4hrlichen Konferenz der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverb\u00e4nde (BDA). \u00bbDie Krankheitstage sind zu viel\u00ab, sagte dort Christian D\u00fcrr, der FDP-Fraktionsvorsitzende im Bundestag. Er forderte deshalb: Weg mit der telefonischen Krankschreibung \u00bbund hin zu mehr Eigenverantwortung\u00ab.<\/p>\n<p>Was der Zwang dazu, sich zuk\u00fcnftig wieder mit Fieber oder Durchfall in eine Arztpraxis zu schleppen, mit \u00bbEigenverantwortung\u00ab zu tun hat, blieb D\u00fcrrs Geheimnis. Er wiederholte nur, was seit einiger Zeit immer mehr Unternehmer beklagen. Ola K\u00e4llenius, der Vorstandsvorsitzende von Mercedes-Benz, schlug Mitte Oktober Alarm. \u00bbDer hohe Krankenstand in Deutschland ist ein Problem f\u00fcr die Unternehmen\u00ab, sagte er dem <em>Spiegel<\/em>. In seinem Unternehmen fehlten in Deutschland teils doppelt so viele Besch\u00e4ftigte wie im europ\u00e4ischen Ausland, behauptete K\u00e4llenius und warnte vor negativen Folgen f\u00fcr den Wirtschaftsstandort.<\/p>\n<p><span id=\"more-10067\"><\/span><\/p>\n<p>Kurz zuvor hatte der Allianz-Vorstandsvorsitzende Oliver B\u00e4te in eine \u00e4hnliche Kerbe geschlagen. In einem Gastbeitrag f\u00fcr das <em>Handelsblatt<\/em> meint er, \u00bbwir\u00ab m\u00fcssten \u00bbdringend wieder ein Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr herstellen, dass unser Wohlstand auch etwas mit dem Willen zu tun hat, sich f\u00fcr den Erhalt dieses Wohlstands anzustrengen\u00ab. Hinderlich sei da ein \u00bbchronisch erh\u00f6hter Krankenstand\u00ab, ohne den die deutsche Wirtschaft B\u00e4te zufolge \u00bbim vergangenen Jahr nicht um 0,3&nbsp;Prozent geschrumpft, sondern um knapp 0,5&nbsp;Prozent gewachsen\u00ab w\u00e4re. In Deutschland l\u00e4gen die Krankmeldungen \u00bbweit \u00fcber dem Niveau von L\u00e4ndern wie den USA, Kanada oder der Schweiz\u00ab.<\/p>\n<p>B\u00e4te und K\u00e4llenius suggerieren, die Neigung, sich krankschreiben zu lassen, sei in Deutschland besonders ausgepr\u00e4gt. Die Zahlen des Statistischen Amts der Europ\u00e4ischen Union widersprechen dem: Unter den 27&nbsp;Mitgliedstaaten war der Prozentsatz von Besch\u00e4ftigten, die im zweiten Quartal 2024 mindestens einmal gefehlt haben, in Norwegen, Finnland, Schweden am h\u00f6chsten, Deutschland folgt auf Platz&nbsp;10 mit einem nur leicht \u00fcberdurchschnittlichen Wert.<\/p>\n<p><strong>Zunahme der Krankheitstage<\/strong><\/p>\n<p>Allerdings stimmt es tats\u00e4chlich, dass die Statistik in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme der Krankheitstage in der Bundesrepublik zeigt. Dem Statistischen Bundesamt zufolge waren deutsche Angestellte 2023 durchschnittlich 15,1&nbsp;Tage krankgeschrieben, gut vier&nbsp;Tage mehr als 2019. Dieses Jahr werden es wohl noch mehr. Der Bundesverband der AOK geht davon aus, dass die Zahl der Krankschreibungen in diesem Jahr auf einen Rekord zusteuere, sie soll demnach sogar h\u00f6her ausfallen als in den intensivsten Phasen der Covid-19-Pandemie.<\/p>\n<p>Bereits im vergangenen Jahr beklagte das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft, dass Unternehmen immer mehr Kosten durch krankheitsbedingten Arbeitsausfall entstehen w\u00fcrden. Das Institut pr\u00e4sentierte deshalb einen Vorschlag: Die M\u00f6glichkeiten der Krankschreibung ohne direkten pers\u00f6nlichen Kontakt mit einem Arzt sollte wieder st\u00e4rker eingeschr\u00e4nkt werden.<\/p>\n<p>Seit dem Beginn der Covid-19-Pandemie im Fr\u00fchjahr 2020 kann man telefonisch bei einem Arzt eine Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung einholen. Auch Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) will das wieder r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Er sagte im September auf \u00adeiner Veranstaltung des Verbands der Chemischen Industrie (VCI), es gebe \u00bbeine Korrelation zwischen dem j\u00e4hrlichen Krankenstand in Deutschland und der Einf\u00fchrung der Ma\u00dfnahme, die als guter B\u00fcrokratieabbau gedacht war\u00ab. Anscheinend ist Lindner die elementare Regel f\u00fcr den Umgang mit Statistiken nicht bekannt, dass man Korrelation nicht mit Kausalit\u00e4t verwechseln darf; tats\u00e4chlich aber stieg der Krankenstand 2020 und 2021 so gut wie nicht, sondern erst im folgenden Jahr&nbsp;\u2013 er korreliert also vielmehr mit der Aufhebung der Pandemiema\u00dfnahmen. Ganz als w\u00e4re es schon beschlossene Sache, k\u00fcndigte Lindner an: \u00bbMan wird f\u00fcr die Krankmeldung zuk\u00fcnftig wieder zum Arzt gehen m\u00fcssen und das nicht einfach nur telefonisch erledigen k\u00f6nnen.\u00ab<\/p>\n<p><strong>Telefonische Krankschreibung \u00bb\u00fcberpr\u00fcfen\u00ab<\/strong><\/p>\n<p>In der Tat formulierte die Bundesregierung bereits im Juli in einem Papier zu ihrer sogenannten Wachstumsinitiative: \u00bbIn den vergangenen Jahren blieb ein immenses Potenzial des Arbeitsmarktes auch aufgrund des erh\u00f6hten Krankenstandes der Arbeitnehmenden ungenutzt.\u00ab Als einzige Ma\u00dfnahme wurde in dem Papier genannt, die telefonische Krankschreibung zu \u00bb\u00fcberpr\u00fcfen\u00ab.<\/p>\n<p>Diese hat in der Koalition allerdings&nbsp;auch Bef\u00fcrworter, darunter den Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). Ihm zufolge helfe das Attest per Telefon nicht nur, das Infektionsgeschehen in \u00fcberf\u00fcllten Praxen zu verringern, sondern sei auch eine \u00bbwesentliche Entlastung f\u00fcr Arbeitnehmer, Arbeitgeber und \u00c4rzte\u00ab.<\/p>\n<p>Im April 2023 war die M\u00f6glichkeit zur telefonischen Krankschreibung schon einmal abgeschafft worden. Nach anhaltenden Protesten insbesondere des Haus\u00e4rztinnen- und Haus\u00e4rzteverbands (H\u00c4V) wurde sie aber im Dezember 2023 wiedereingef\u00fchrt. Dem H\u00c4V-Vorsitzenden Markus Beier zufolge handelt es sich um \u00bbeine der wenigen politischen Ma\u00dfnahmen\u00ab, die \u00bbaktuell wirklich B\u00fcrokratie reduziert\u00ab und die Patienten und Praxen entlaste.<\/p>\n<p><strong>Akzeptanz f\u00fcrs Blaumachen<\/strong><\/p>\n<p>Beier lieferte zudem eine alternative Erkl\u00e4rung der Rekordzahlen. Erst seit Juli 2022 sind \u00c4rzte verpflichtet, die Arbeitsunf\u00e4higkeitsbescheinigung vom Arzt digital an die Krankenkasse zu \u00fcbergeben. Vorher war daf\u00fcr der Arbeitgeber verantwortlich, und weil viele Betriebe das nicht machten, habe man die Gesamtzahl der Krankmeldungen nur sch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Beier zufolge l\u00e4sst sich so ein gro\u00dfer Teil der gestiegenen Zahlen erkl\u00e4ren.<\/p>\n<p>Andere wollen eher den Arbeitnehmerinnen die Schuld geben. Die Kassen m\u00fcssten bei ihren Sch\u00e4tzungen&nbsp;\u2013 mit denen sie die fehlenden Meldungen der Betriebe kompensierten&nbsp;\u2013 \u00bbschon sehr danebengelegen haben, um die gro\u00dfe Zunahme an Krankschreibungen zu erkl\u00e4ren\u00ab, wandte k\u00fcrzlich die <em>Zeit<\/em> gegen Beiers Position ein und f\u00fchrt eine repr\u00e4sentative Befragung an, nach der es fast 40&nbsp;Prozent der Erwerbst\u00e4\u00adtigen hierzulande es in Ordnung finden, \u00bbmal krankzumachen, auch wenn man eigentlich arbeiten k\u00f6nnte\u00ab. Die <em>Zeit<\/em> kommentiert: \u00bbDas passt zu vielem, was in diesem Land gerade schiefl\u00e4uft. Zur miesen Stimmung. Dem mauen Wachstum.\u00ab<\/p>\n<p>Die Umfrage stammt vom Pinktum Institute und wurde im Juni ver\u00f6ffentlicht. Damals hatte der Befund zum Verst\u00e4ndnis f\u00fcrs Blaumachen viel mediale Resonanz erfahren, doch andere Ergebnisse fanden weniger Beachtung. Kurios ist beispielsweise, dass die Akzeptanz f\u00fcrs Blaumachen verbreiteter ist als die Praxis: 38,5\u00a0Prozent \u00e4u\u00dferten Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, w\u00e4hrend nur 34,1\u00a0Prozent angaben, es selbst schon mal gemacht zu haben (wobei noch keine Regelm\u00e4\u00dfigkeit zu unterstellen ist). \u00dcberproportional h\u00e4ufig kommt das Blaumachen bei M\u00e4nnern (46\u00a0Prozent) und F\u00fchrungskr\u00e4ften (50\u00a0Prozent) vor, w\u00e4hrend Frauen (30\u00a0Prozent) und Nichtf\u00fchrungskr\u00e4fte (27\u00a0Prozent) seltener fehlen, aber der Umfrage zufolge im Schnitt deutlich ersch\u00f6pfter sind. Wenn also jemand wie der Allianz-Vorstandsvorsitzende B\u00e4te postuliert, dass es dringend mehr Flei\u00df brauche, sollte sich das wohl vor allem an Vor\u00adgesetzte richten.<\/p>\n<p><strong>Psychische Erkrankungen stark zugenommen<\/strong><\/p>\n<p>Vor allem aber verdeutlicht die Pinktum-Befragung, dass die <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2023\/32\/millionen-beissen-die-zaehne-zusammen\"  rel=\"noreferrer noopener\">Besch\u00e4ftigten in Deutschland keineswegs fauler werden, sondern dass es ihnen schlichtweg immer schlechter<\/a> geht. Die Befragung zeige einmal mehr, \u00bbwie sich die Batterien der Menschen weiter leeren und wie sich die bereits kritische Situation weiter zuspitzt\u00ab, hei\u00dft es in der Studie. Fast die H\u00e4lfte der Besch\u00e4ftigten (48,8\u00a0Prozent) f\u00fchle sich \u00bbgenerell ersch\u00f6pft\u00ab. Frauen seien deutlich ersch\u00f6pfter als M\u00e4nner \u00bbund Menschen ohne F\u00fchrungsverantwortung f\u00fchlen sich ausgelaugter als F\u00fchrungskr\u00e4fte\u00ab.<\/p>\n<p>Auffallend stark zugenommen \u00adhaben demnach psychische Erkrankungen, die inzwischen den zweith\u00e4ufigsten Grund nach Atemwegserkrankungen darstellen, warum Menschen der Arbeit fernbleiben. \u00bb55&nbsp;Prozent der Befragten haben weniger Kraft als noch vor drei&nbsp;Jahren\u00ab, damit reduziere \u00bbsich der Krafthaushalt weiter und eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes in der Bev\u00f6lkerung ist naheliegend\u00ab.<\/p>\n<p>Von d\u00fcsteren Zukunftsaussichten gehen auch viele Befragte aus: Jeder Vierte \u00bbglaubt, dass es wenig Unterschied macht, ob er bei der Arbeit ist oder nicht\u00ab, und \u00bb28&nbsp;Prozent fragen sich, warum sie \u00fcberhaupt noch zur Arbeit gehen, wenn doch sowieso alles bergab geht\u00ab. Dennoch ist es sehr weit verbreitet, sich trotz Krankheit zur Arbeit zu schleppen. 59&nbsp;Prozent sagen, \u00bboft auch dann zur Arbeit zu gehen, wenn sie eigentlich krank zu Hause bleiben sollten\u00ab.<\/p>\n<p>Besonders verbreitet ist dieses Verhalten in der Branche mit dem anteilig h\u00f6chsten Krankenstand: dem Gesundheitswesen&nbsp;\u2013 vermutlich weil kaum jemand die \u00fcberarbeiteten Kolleg:innen im Stich lassen will. Ein Drittel gibt zudem an, aus Angst vor dem Chef krank zur Arbeit zu kommen.<\/p>\n<p>Das Pinktum Institute r\u00e4t an erster Stelle zu einem unterst\u00fctzenden Umfeld, \u00bbin dem sich kranke Menschen ohne schlechtes Gewissen krankmelden k\u00f6nnen und keine Angst vor beruflichen Konsequenzen haben m\u00fcssen\u00ab. Die \u00c4u\u00dferungen der Manager wie K\u00e4llenius und B\u00e4te machen deutlich, dass sich die Unternehmen offenbar das Gegenteil w\u00fcnschen: eingesch\u00fcchterte Angestellte, die sich auch krank zur Arbeit schleppen, um das Pensum zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p>[zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/44\/telefonische-krankschreibung-kranke-arbeitswelt\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2024\/44\/telefonische-krankschreibung-kranke-arbeitswelt\"  rel=\"noreferrer noopener\">Jungle World 2024\/44<\/a>]<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wirtschaftsverb\u00e4nde und die Bundesregierung sind sich einig: Die Zahl der Krankheitstage muss reduziert werden. 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