{"id":66212,"date":"2025-04-11T08:35:27","date_gmt":"2025-04-11T07:35:27","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=10376"},"modified":"2025-04-11T08:35:27","modified_gmt":"2025-04-11T07:35:27","slug":"der-dank-fuer-die-ernte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2025\/04\/der-dank-fuer-die-ernte\/","title":{"rendered":"Der Dank f\u00fcr die Ernte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ausl\u00e4ndische Saisonarbeiter werden in Deutschland oft um ihren Lohn betrogen<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p><em>Eine Viertelmillion Saisonarbeiter:innen arbeiten jedes Jahr auf \u00addeutschen \u00c4ckern. Das Arbeitsrecht wird dabei systematisch umgangen. Der j\u00fcngste Bericht der Initiative Faire Landarbeit legt einen Schwerpunkt auf die Wucherpreise, die viele Saison\u00adarbeiter:innen f\u00fcr Unterkunft und Verpflegung zahlen m\u00fcssen.<\/em><\/p>\n<p>Der M\u00fcnchner Bezirk Altstadt-Lehel gilt als eine der exklusivsten Wohngegenden der Republik. Wer hier zur Miete lebt, muss laut Immobilenscout 24 durchschnittlich 24,13 Euro pro Quadratmeter zahlen. Es gibt aber durchaus M\u00f6glichkeiten, in Deutschland noch teurer unterzukommen \u2013 zum Beispiel in einem Container neben Spargelackern und Erdbeerfeldern. \u201eWuchermieten f\u00fcr Unterk\u00fcnfte sind in der Landwirtschaft zur Normalit\u00e4t geworden\u201c, bilanziert die Initiative Faire Landarbeit (IFL) in ihrem j\u00fcngst ver\u00f6ffentlichten Jahresbericht f\u00fcr 2024. Demnach arbeiten pro Jahr circa eine Viertelmillion Menschen aus dem Ausland auf deutschen Feldern \u2013 und viele von ihnen zahlen dabei Mietpreise von 30 bis 60 Euro pro Quadratmeter.<\/p>\n<p><span id=\"more-10376\"><\/span><\/p>\n<p>Die bezogenen Unterk\u00fcnfte sind jedoch keineswegs luxuri\u00f6s. In nicht nach Geschlechtern getrennten Mehrbettzimmern kommen der IFL zufolge teils sechs oder zehn, in Extremf\u00e4llen bis zu 14 Personen unter; die in den Arbeitsst\u00e4ttenregeln vorgeschriebenen sechs Quadratmeter Schlafplatz pro Kopf w\u00fcrden dabei vielfach nicht eingehalten. In einem Fallbeispiel aus Bayern standen 100 Besch\u00e4ftigten zwei Duschen zur Verf\u00fcgung. Hinzu kommen vielfach Hygieneprobleme, zum Beispiel wenn der M\u00fcll nur sporadisch abgeholt wird und das einen Insektenbefall verursacht. \u201eUnsere Berater:innen begegneten in ihrer Umfrage einzelnen Betriebsleitern, die rassistische Gr\u00fcnde als Vorwand f\u00fcr unzureichende Unterkunftsbedingungen anf\u00fchrten\u201c, hei\u00dft es im Jahresbericht. So habe einer behauptet, die Menschen seien doch aus ihren Herkunftsl\u00e4ndern \u201enichts Besseres\u201c gewohnt und bei ihnen zu Hause sei es \u201enoch schlimmer\u201c.<\/p>\n<p>Die IFL ist ein B\u00fcndnis der Gewerkschaft IG Bau und verschiedener gewerkschaftsnaher und kirchlicher Beratungsstellen. Ihre Mitarbeiter:innen nehmen regelm\u00e4\u00dfig mit Saisonarbeiter:innen auf deutschen Feldern Kontakt auf. Sie kl\u00e4ren sie \u00fcber ihre Rechte auf, vermitteln juristische Beratung und erkundigen sich nach den Arbeitsbedingungen. Der Jahresbericht 2024 basiert auf 40 derartigen Feldbesuchen bundesweit, bei denen etwa 3 100 Saisonarbeiter kontaktiert wurden.<\/p>\n<p>Der IFL-Bericht zitiert einen Arbeiter, der bereits in verschiedenen europ\u00e4ischen Staaten Erfahrung mit prek\u00e4rer Besch\u00e4ftigung gesammelt hat, mit den Worten: \u201eNirgendwo war es so schlimm wie in Deutschland.\u201c Ein anderer sagte \u00fcber den Eigent\u00fcmer des Hofes, auf dem er arbeitete: \u201eEr lie\u00df uns dort schlafen, wo er Tiere hielt.\u201c<\/p>\n<p>Die meisten Saisonbesch\u00e4ftigen kommen aus EU-Staaten, insbesondere Rum\u00e4nien, Bulgarien und Polen. Doch verweist Anja Piel aus dem DGB-Bundesvorstand darauf, dass h\u00e4ufiger als fr\u00fcher Drittstaatsangeh\u00f6rige angeworben werden, etwa aus Usbekistan, der Mongolei oder Indien.<\/p>\n<p>Besonders gerne schicken Arbeitgeber Studierende aufs Feld. Denn nach der Verordnung \u00fcber die Besch\u00e4ftigung von Ausl\u00e4nderinnen und Ausl\u00e4ndern geht das sozialversicherungsfrei, wenn die Immatrikulation an einer ausl\u00e4ndischen Hochschule nachgewiesen werden kann. Die IFL schildert, wie kommerzielle Agenturen eine Vermittlungsgeb\u00fchr verlangen, die bis zu 600 Euro betragen kann, und zum Teil mit dem Etikett \u201eWork and Travel\u201c und dem Versprechen kulturellen Austauschs k\u00f6dern.<\/p>\n<p>Da die Saisonbesch\u00e4ftigen f\u00fcr eine befristete Zeit aus dem Ausland einreisen und die Vermittlung der Jobs oft sehr kurzfristig erfolgt, werden sie nur in Ausnahmef\u00e4llen auf dem freien Wohnungsmarkt f\u00fcndig. Bei ihrer Unterbringung sind sie also in der Regel vollst\u00e4ndig vom Arbeitgeber abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Es gibt gesetzlich vorgeschriebene Sachbezugswerte, die genau vorschreiben, wie viel Geld ein Arbeitgeber f\u00fcr Unterkunft und Verpflegung verlangen darf. Doch eine stichprobenartige Umfrage der IFL in zw\u00f6lf deutschen Betrieben ergab, dass diese Sachbezugswerte in allen Betrieben \u00fcberschritten wurden.<\/p>\n<p>Die Abz\u00fcge f\u00fcr Unterkunft und Verpflegung seien 2024 um zwei bis drei Euro pro Tag gestiegen. Die IFL vermutet, dass die Arbeitgeber dadurch die Erh\u00f6hung des Mindestlohns umgehen wollten. Eine polnische Saisonarbeiterin wird mit den Worten zitiert: \u201eDer Mindestlohn ist gestiegen, also sind auch die Mieten gestiegen.\u201c Manchmal k\u00f6nnten diese Abz\u00fcge bis zu 50 Prozent des Nettolohns betragen, hei\u00dft es im IFL-Bericht, so dass der Mindestlohn weit unterschritten werde.<\/p>\n<p>Hinzu kommen juristische Tricks, um die entsprechenden Gesetze zu umgehen, etwa durch die Gr\u00fcndung einer Immobiliengesellschaft. In dieser Konstellation sind Arbeitgeber und Vermieter rechtlich gesehen zwei verschiedene Unternehmen, so dass die Miete <em>de jure <\/em>nicht vom Lohn abgezogen wird. \u201eJedes Jahr erfahren wir von neuen Strategien, mit denen die Arbeitgeber die Besch\u00e4ftigten um ihren Lohn betr\u00fcgen\u201c, stellt die IFL fest. <\/p>\n<p>In manchen F\u00e4llen kehren Saisonbesch\u00e4ftigte sogar verschuldet in die Heimat zur\u00fcck. \u201eDie Unterbringungskosten werden auch dann zu einem dringlichen Problem, wenn die Saisonbesch\u00e4ftigten aufgrund schlechter Witterungsbedingungen tagelang nicht arbeiten k\u00f6nnen\u201c, schreibt die IFL und verweist auf Starkregen und \u00dcberschwemmungen im vergangenen Jahr. Arbeitgeber seien verpflichtet, die Besch\u00e4ftigten f\u00fcr die Zeit des Arbeitsausfalls zu entlohnen, \u201ewas sehr h\u00e4ufig nicht geschieht\u201c. <\/p>\n<p>Zum ersten Mal thematisiert der Bericht f\u00fcr 2024 sexualisierte Gewalt gegen Saisonarbeiterinnen. Kateryna Danilova von der European Migrant Workers Union beschreibt, wie manche Vorarbeiter ihre Machtposition missbrauchen. In der Regel seien die betroffenen Frauen und ihre Familien im Herkunftsland von dem erzielten Einkommen abh\u00e4ngig, sie sprechen kein Deutsch, wissen nicht, an wen sie sich wenden k\u00f6nnen. \u201eDann wird ihnen mit Entlassung gedroht, wenn sie nicht mit ihren Vorgesetzten ins Bett gehen.\u201c Das Ausma\u00df des Problems ist schwer abzusch\u00e4tzen. Nach den Zahlen des Statistischen Bundesamts sind 44 Prozent der Saisonbesch\u00e4ftigten Frauen. Bislang sei es, so Danilova, noch selten, dass sich von sexualisierter Gewalt Betroffene melden, sie geht von einer hohen Dunkelziffer aus \u2013 was auch damit zusammenh\u00e4ngen d\u00fcrfte, wie schwer es ist, vor Gericht erfolgreich zu klagen. So ist im IFL-Bericht zu lesen, dass vergangenes Jahr ein Gerichtsverfahren gegen mehrere Vorarbeiter in einem landwirtschaftlichen Betrieb aus Mangel an Beweisen eingestellt worden sei, obwohl mehrere Besch\u00e4ftigte physische Gewalt und sexuelle N\u00f6tigung beschrieben h\u00e4tten. <\/p>\n<p>Die IFL verweist darauf, dass Saisonbesch\u00e4ftigte \u201e\u00fcberall in Europa in der Regel prek\u00e4r leben und arbeiten\u201c. Dennoch sei die staatliche Regulierung in einigen L\u00e4ndern weiter fortgeschritten als in Deutschland. Zum Beispiel in \u00d6sterreich: Dort darf der Lohnabzug f\u00fcr eine Unterkunft nicht mehr als 39,24 Euro pro Monat betragen. Auch daran halten sich nicht alle Arbeitgeber, dennoch liegen die durchschnittlichen Unterbringungskosten weit unter dem deutschen Niveau. <\/p>\n<p>Hoffnung auf Besserung macht die sogenannte soziale Konditionalit\u00e4t der Gemeinsamen Agrarpolitik. Direktzahlungen der EU an landwirtschaftliche Betriebe sind seit dem 1. Januar dieses Jahres an die Einhaltung des Arbeitsrechts gekoppelt. Bei Verst\u00f6\u00dfen k\u00f6nnen EU-Subventionen zur\u00fcckgefordert werden. Das Recht zu Kontrollen hat allerdings nicht die IFL, sondern der Staat \u2013 der hierzulande bislang nicht durch \u00dcbereifer aufgefallen ist.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<p><em>[zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/14\/auslaendische-saisonarbeiter-lohn-betrug-der-dank-fuer-die-ernte\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/jungle.world\/artikel\/2025\/14\/auslaendische-saisonarbeiter-lohn-betrug-der-dank-fuer-die-ernte\"  rel=\"noreferrer noopener\">Jungle World<\/a> 2025\/14 v. 3. April 2025]<\/em><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausl\u00e4ndische Saisonarbeiter werden in Deutschland oft um ihren Lohn betrogen von Minh Schredle Eine Viertelmillion Saisonarbeiter:innen arbeiten jedes Jahr auf \u00addeutschen \u00c4ckern. Das Arbeitsrecht wird dabei systematisch umgangen. 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