{"id":66393,"date":"2025-06-28T08:29:31","date_gmt":"2025-06-28T07:29:31","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=10558"},"modified":"2025-06-28T08:29:31","modified_gmt":"2025-06-28T07:29:31","slug":"die-geisterbahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2025\/06\/die-geisterbahn\/","title":{"rendered":"Die Geisterbahn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Stuttgarter S-Bahn und die Pofalla-Wende der Deutschen Bahn<\/strong><\/p>\n<p>von <em>Minh Schredle<\/em><\/p>\n<p><em>Nach dem Eindruck vieler Fahrg\u00e4ste wird die Stuttgarter S-Bahn immer unzuverl\u00e4ssiger. Das Bauchgef\u00fchl erweist sich als wahr. Die Linie S62 f\u00e4llt sogar so oft aus, dass manche an ihrer Existenz zweifeln.&nbsp;<\/em><\/p>\n<p>Im August 2024 hatte die Stuttgarter S-Bahn einen starken Monat: Das P\u00fcnktlichkeitsziel wurde nur knapp verfehlt. So knapp wie sonst fast nie in den letzten zehn Jahren. Wobei sich allgemeine Aussagen \u00fcber die Zuverl\u00e4ssigkeit der S-Bahn als etwas kompliziert erweisen. Denn der Betreiber, die Deutsche Bahn Regio (DB), operiert mit zwei verschiedenen P\u00fcnktlichkeitsdefinitionen. Die strengere wertet aus, wie viele Z\u00fcge weniger als drei Minuten Versp\u00e4tung hatten. Weil es da aber ganz d\u00fcster aussieht, gibt es daneben noch die sogenannte Sechs-Minuten-P\u00fcnktlichkeit, bei der f\u00fcnf Minuten und 59 Sekunden Versp\u00e4tung noch nicht als Versp\u00e4tung gelten. F\u00fcr die erste Variante strebt die DB eine P\u00fcnktlichkeitsquote von 94,5 Prozent an, f\u00fcr die zweite 98 Prozent.<\/p>\n<p><span id=\"more-10558\"><\/span><\/p>\n<p>Diese Zielwerte werden im Jahresdurchschnitt seit \u00fcber einem Jahrzehnt <a href=\"https:\/\/www.s-bahn-stuttgart.de\/s-stuttgart\/aktuelles\/Puenktlichkeit-9969776\"  rel=\"noreferrer noopener\">konsequent verfehlt<\/a> \u2013 aber zumindest bei der Sechs-Minuten-P\u00fcnktlichkeit gab es Jahre, in denen es relativ knapp war. Weil die P\u00fcnktlichkeit der Stuttgarter S-Bahnen schon 2013 von vielen als unzureichend empfunden wurde, reagierte die Politik mit <a href=\"https:\/\/www.stuttgarter-zeitung.de\/inhalt.s-bahn-gipfel-in-stuttgart-s-bahn-gipfel-naehrt-hoffnung-auf-besserung.788ed4ba-3a45-4df3-b879-29b2b9e0253c.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">einem S-Bahn-Gipfel<\/a>. Das Format wurde dann vier Mal wiederholt, nach dem f\u00fcnften und letzten Gipfel im Juli 2017 bejubelte der Verband Region Stuttgart einen &#8220;Aufw\u00e4rtstrend&#8221;. <a href=\"https:\/\/www.region-stuttgart.org\/de\/presse\/presseinformationen\/archiv\/aufwaertstrend-bei-der-s-bahn\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">Laut einer Pressemitteilung<\/a> sei die S-Bahn dank der Bem\u00fchungen nun wieder stabiler und zuverl\u00e4ssiger. So hie\u00df es damals: &#8220;St\u00f6ranf\u00e4lligkeit und Versp\u00e4tungen der S-Bahn haben offensichtlich das tiefste Tal durchschritten.&#8221; Seither gab es keine weiteren Krisengipfel \u2013 und die Stuttgarter S-Bahn hat in der Zwischenzeit s\u00e4mtliche Negativrekorde gerissen. Seit 2020 geht der Trend steil bergab, subjektiv und objektiv.<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik.png\"><img fetchpriority=\"high\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"535\" src=\"https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1024x535.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10561\" srcset=\"https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1024x535.png 1024w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-300x157.png 300w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-768x401.png 768w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-500x261.png 500w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik.png 1456w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n<p>So ergab eine Fahrgastbefragung 2023, dass die Reisenden die P\u00fcnktlichkeit der S-Bahn im Schnitt mit der Schulnote 3,6 bewerten. Die Pressemitteilung der DB stellt dazu fest: &#8220;Im Vergleich zum Vorjahr haben sich mit Ausnahme der Sauberkeit alle Werte verschlechtert und bleiben zum Gro\u00dfteil unter der Zielnote von 2,5.&#8221; Das Bauchgef\u00fchl vieler Passagiere, wonach es immer schlimmer wird, erweist sich als wahr: Mit Blick auf das vergangene Jahrzehnt entpuppt sich die S-Bahn tats\u00e4chlich als immer unzuverl\u00e4ssiger, was &#8220;sowohl f\u00fcr Fahrg\u00e4ste als auch f\u00fcr alle Besch\u00e4ftigten im Bereich der S-Bahn frustrierend&#8221; sei, wie die Bahn selbst schreibt. Tiefpunkt war der November 2023, wo die Quote bei der Drei-Minuten-P\u00fcnktlichkeit nicht bei den angestrebten 94,5 Prozent lag, sondern bei 56,6 Prozent.&nbsp;<\/p>\n<p>Insgesamt gab es seit 2015 nur zwei Monate, in denen der Zielwert erreicht wurde. Zuletzt h\u00e4uften sich die Monate, in denen er nicht knapp, sondern drastisch verfehlt wurde. Wie etwa mit 57,8 Prozent im vergangenen April, dem zweitschlechtesten Monat in der Geschichte der Stuttgarter S-Bahn. Im Vergleich zu den gegenw\u00e4rtigen Zust\u00e4nden wirkt der Ausgangspunkt von 2013, auf den eine Serie von Krisengipfeln folgte, geradezu paradiesisch \u2013 damals hatten 86,2 Prozent der S-Bahnen weniger als drei Minuten Versp\u00e4tung, 2024 waren es nur noch 73,4 Prozent.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Und dann kam die Pofalla-Wende<\/strong><\/p>\n<p>Bei der ganzen Misere kommt als Facette noch hinzu, dass Statistiken der Deutschen Bahn seit der sogenannten Pofalla-Wende durch einen frechen Trick aufgeh\u00fcbscht werden. Zur\u00fcck geht der Begriff auf den fr\u00fcheren CDU-Bundestagsabgeordneten Ronald Pofalla, der zwischen 2017 und 2022 als Vorstand bei der Bahn f\u00fcr deren Infrastruktur verantwortlich war \u2013 und es ist kein Begriff, den nur dezidierte Bahnkritiker:innen verwenden, sondern auch der Bundesrechnungshof.<\/p>\n<p>Der definiert das Prinzip <a href=\"https:\/\/www.bundesrechnungshof.de\/SharedDocs\/Downloads\/DE\/Berichte\/2022\/fernverkehr-bahn-puentlichkeit-volltext.pdf?__blob=publicationFile&amp;v=1\"  rel=\"noreferrer noopener\">in einem Bericht von 2022<\/a> so: &#8220;Z\u00fcge, die vor dem Erreichen des Zielbahnhofs eine nicht mehr einholbare Versp\u00e4tung haben, stoppt die DB AG an einem Zwischenhalt und l\u00e4sst sie umkehren. Die ausgefallenen Halte dieser versp\u00e4teten Z\u00fcge l\u00e4sst die DB AG nicht in die P\u00fcnktlichkeitsstatistik einflie\u00dfen. Daraus ergibt sich rechnerisch eine bessere P\u00fcnktlichkeitsquote. F\u00fcr die Reisenden hat dieses Vorgehen gravierende Nachteile, da ein Teil ihrer Zugfahrt entf\u00e4llt.&#8221; Allerdings habe selbst dieser Versuch, die Statistik besser aussehen zu lassen, nur befristet f\u00fcr Abhilfe gesorgt und ab 2021 habe sich die P\u00fcnktlichkeitsquote weiter verschlechtert.&nbsp;<\/p>\n<p>Diese Aussagen beziehen sich auf den Fernverkehr, doch das Prinzip gilt auch auf regionaler Ebene. Ebenso sind die vom Rechnungshof ge\u00e4u\u00dferten &#8220;Zweifel daran&#8221; \u00fcbertragbar, &#8220;wie transparent die P\u00fcnktlichkeitsquoten sind und ob sie die Zuverl\u00e4ssigkeit des Fernverkehrs realistisch widerspiegeln&#8221;. Soll hei\u00dfen: Es wird auf Kosten der Reisenden eine Statistik sch\u00f6ngef\u00e4rbt, die hinterher immer noch beschissen aussieht und die selbstgesetzten Ziele trotzdem verfehlt.<\/p>\n<p>In Stuttgart mit der S1 zu fahren, ist inzwischen so traumatisch, dass es seit diesem M\u00e4rz einen Horrorcomic gibt, der reale Erlebnisse als Inspiration verwendet (&#8220;Stuttgarter Schocker: Schrecken der S1&#8221;, <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/schaubuehne\/732\/albtraum-im-abteil-10159.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">Kontext berichtete<\/a>). Allerdings ist die S1 mit Blick auf die Statistik noch nicht einmal die schlimmste Linie \u2013 diese zweifelhafte Ehre geb\u00fchrt der S3. Aber vermutlich geht es sogar noch schlechter. Denn in der Versp\u00e4tungsstatistik wird die Linie S62 gar nicht ausgewiesen \u2013 und die ist meist das erste Opfer, wenn es Personalengp\u00e4sse gibt, also eigentlich fast immer.&nbsp;<\/p>\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"530\" src=\"https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1-1024x530.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-10563\" srcset=\"https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1-1024x530.png 1024w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1-300x155.png 300w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1-768x397.png 768w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1-500x259.png 500w, https:\/\/emafrie.de\/wp-content\/uploads\/2025\/06\/grafik-1.png 1460w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a><\/figure>\n<p>Erst im September 2022 ging die Linie an den Start, als Expressverbindung zwischen Weil der Stadt und Stuttgart (die regul\u00e4re S6 braucht auf der Strecke sechs Minuten l\u00e4nger). Nach nur zwei Wochen Betrieb war erstmal wieder Schluss, weil der Bahn Lokf\u00fchrer:innen fehlten und die S62 offenbar als entbehrlichste Linie eingestuft wird. Offiziell f\u00e4hrt die S62 schon l\u00e4ngst wieder. Doch auf Reddit fragen sich Stuttgarter:innen, ob sie vielleicht nur ein Mythos ist? Ein Nutzer bekr\u00e4ftigt: &#8220;Ja tats\u00e4chlich schon einigemale in der S62 gesessen \u2013 aber ja sehr selten und w\u00fcrde behaupten das sind &lt;10% dass die f\u00e4hrt.&#8221; Allerdings gibt es ja auch Leute, die behaupten, den Yeti gesichtet zu haben.<\/p>\n<p>Die Seite <a href=\"https:\/\/s-bahn-chaos.de\/\"  rel=\"noreferrer noopener\">s-bahn-chaos.de<\/a> dokumentiert Missst\u00e4nde in der baden-w\u00fcrttembergischen Landeshauptstadt, hat phasenweise auch ausgefallene S-Bahnen anhand von Echtzeitverkehrsdaten erfasst, bevor es zu Problemen mit der Datenquelle kam. Aus dem Archiv ist allerdings ersichtlich, dass an einigen Tagen von 13 geplanten Fahrten der S62 alle 13 ausgefallen sind \u2013 dank der Pofalla-Wende gilt das aber nicht als Versp\u00e4tung.&nbsp;<\/p>\n<p>Sollte da trotzdem noch ein zaghafter Restoptimismus verbleiben, dass es ja vielleicht auch wieder besser werden k\u00f6nnte, so zerst\u00f6rt Baden-W\u00fcrttembergs gr\u00fcner Verkehrsminister Winfried Hermann alle tr\u00e4umerischen Illusionen \u2013 denn im Zuge der Arbeiten an Stuttgart 21 steht noch so manche Zumutung bevor. Diesen Mai k\u00fcndigte Hermann an: &#8220;Bei Baustellen und Streckensperrungen haben wir klare Informationen, dass es im n\u00e4chsten Jahr auf keinen Fall besser wird.&#8221; Und: &#8220;Das Leiden an Stuttgart 21 f\u00fcr die Fahrg\u00e4ste wird noch eine Stufe h\u00f6her sein.&#8221; Keine Rede mehr davon, dass das tiefste Tal offensichtlich durchschritten sei. Liebe Fahrg\u00e4ste, machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst.<\/p>\n<p><em>[Zuerst erschienen in <a href=\"https:\/\/www.kontextwochenzeitung.de\/schaubuehne\/743\/die-geisterbahn-10303.html\"  rel=\"noreferrer noopener\">Kontext:Wochenzeitung<\/a> Nr. 743 am 25.06.2025]<\/em><\/p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Stuttgarter S-Bahn und die Pofalla-Wende der Deutschen Bahn von Minh Schredle Nach dem Eindruck vieler Fahrg\u00e4ste wird die Stuttgarter S-Bahn immer unzuverl\u00e4ssiger. Das Bauchgef\u00fchl erweist sich als wahr. 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