{"id":66687,"date":"2025-11-23T18:23:00","date_gmt":"2025-11-23T17:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/emafrie.de\/?p=10748"},"modified":"2025-11-23T18:23:00","modified_gmt":"2025-11-23T17:23:00","slug":"digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/meta.copyriot.com\/2025\/11\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/","title":{"rendered":"Digitale Transformation und gewerkschaftliche Bildungsarbeit"},"content":{"rendered":"<p>von <em>Manuel R\u00fchle<\/em><\/p>\n<p>Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data \u2013 der \u201eMegatrend Digitalisierung\u201c bestimmt seit \u00fcber 10 Jahren \u00f6ffentlichkeitswirksam die Debatten rund um die technologische Entwicklung. Der vorherrschenden Sichtweise zufolge bleibt in diesem Prozess nichts wie es war. Die Digitalisierung, so die Vorstellung, rei\u00dfe die Gesellschaft wie eine Naturgewalt mit sich und sorge f\u00fcr tiefgreifende Umw\u00e4lzungen in allen Sph\u00e4ren. In einer Publikation der Bundesregierung aus dem Jahr 2021 hei\u00dft es in diesem Sinne: \u201eDer digitale Wandel ver\u00e4ndert unsere Art zu leben, zu arbeiten und zu lernen fundamental und mit rasanter Geschwindigkeit.\u201c<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote1sym\" id=\"sdfootnote1anc\"><sup>1<\/sup><\/a> Die j\u00fcngste Stufe dieser Entwicklung, die sogenannte K\u00fcnstliche Intelligenz, ist sp\u00e4testens seit der Einf\u00fchrung des KI-Assistenten ChatGPT durch das US-Unternehmen OpenAI im Jahr 2022 in aller Munde und befeuert diese Vorstellungen zus\u00e4tzlich. Ursachen und Hintergr\u00fcnde dieses Wandels werden dabei nicht thematisiert. Stattdessen wird fortlaufend appelliert, sich den neuen Herausforderungen zu stellen, die darin liegenden Chancen zu ergreifen, die Risiken nicht aus den Augen zu verlieren und zum Zweck einer abstrakten allgemeinen Lebensverbesserung gemeinsam zusammenzuwirken.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote2sym\" id=\"sdfootnote2anc\"><sup>2<\/sup><\/a><\/p>\n<p><span id=\"more-10748\"><\/span><\/p>\n<p>In der Tat sind die gesellschaftlichen Ver\u00e4nderungen, die mit der Verbreitung immer leistungsf\u00e4higerer digitaler Technologien einhergehen, \u00fcberall im (Arbeits-)Alltag sp\u00fcrbar. Sie er\u00f6ffnen den Arbeitenden nicht nur neue Handlungsm\u00f6glichkeiten, sondern konfrontieren sie auch permanent mit neuen Anforderungen. Wer diese nicht erf\u00fcllen kann oder will, droht abgeh\u00e4ngt zu werden. So \u00fcberrascht es kaum, dass die meisten Besch\u00e4ftigten die digitale Transformation ihrer Arbeit nicht als Erleichterung, sondern als das Gegenteil erleben: als eine Zunahme an Belastungen, bis hin zu dauerhafter \u00dcberforderung. Dies ist auch das Ergebnis verschiedener Befragungen unter Besch\u00e4ftigten aus den letzten Jahren. Das Institut f\u00fcr Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur f\u00fcr Arbeit hat bereits 2017 festgestellt, dass die Digitalisierung zwar eine tendenzielle Reduzierung von k\u00f6rperlichen Belastungen bewirkt, die psychischen Belastungen jedoch infolge von Arbeitsverdichtung beim Gros der Arbeitenden steigen.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote3sym\" id=\"sdfootnote3anc\"><sup>3<\/sup><\/a> Und der DGB-Index Gute Arbeit hat mehrfach dokumentiert, dass die Einf\u00fchrung digitaler Technologien mit einer Erh\u00f6hung der Arbeitsmenge, \u00dcberwachung und Kontrolle, mit steigenden Multitasking-Anforderungen und insgesamt einer Steigerung der Arbeitsbelastung einhergeht.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote4sym\" id=\"sdfootnote4anc\"><sup>4<\/sup><\/a> Droht also der alte Traum einer Humanisierung der Arbeitswelt mit der neuesten Stufe technologischer Entwicklung offen in sein Gegenteil umzuschlagen?<\/p>\n<p><strong>Aufgabe und Bestimmungsmerkmale gewerkschaftlicher Bildungsarbeit<\/strong><\/p>\n<p>Diese Frage wird sich wohl nur auf praktischem Wege beantworten lassen: in den gro\u00dfen und kleinen Auseinandersetzungen und K\u00e4mpfen um Ziele, Zwecke und Ausgestaltungen der digitalen Technologien und ihrer konkreten gesellschaftlichen Verwendungsweisen. Den Gewerkschaften als Klassenorganisationen der Lohnabh\u00e4ngigen kommt hierbei zweifellos eine zentrale Bedeutung zu. \u00dcber den Ausgang dieser Auseinandersetzungen und K\u00e4mpfe m\u00f6chte ich jedoch an dieser Stelle nicht spekulieren (wobei angesichts der gesellschaftlichen Machtverh\u00e4ltnisse auf jeden Fall eine realistische Erwartung angebracht sein d\u00fcrfte). Worum es mir im Folgenden geht, ist eine Diskussion der Frage, welche Rolle die gewerkschaftliche Bildungsarbeit im Ringen um eine humane technologische Entwicklung spielen kann. Dabei interessiert mich sowohl die gewerkschaftliche Bildungsarbeit im engeren Sinne (f\u00fcr Aktive, Funktion\u00e4r*innen und interessierte Mitglieder) als auch die Qualifizierungsangebote f\u00fcr betriebliche Interessenvertreter*innen, die durch gewerkschaftliche bzw. gewerkschaftsnahe Bildungstr\u00e4ger durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p>Die Notwendigkeit f\u00fcr die Bildungsarbeit, sich in diesen Prozess einzubringen, liegt auf der Hand. Ihre allgemeine Aufgabe l\u00e4sst sich dahingehend bestimmen, dass sie abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigte bei der Erkenntnis ihrer gemeinsamen Interessen und deren Durchsetzung kraft solidarischen Handelns unterst\u00fctzen soll. Dies betrifft sowohl betriebliche und gewerkschaftliche Strukturen als auch alle anderen gesellschaftlichen Zusammenh\u00e4nge. Die Bildungsarbeit ist damit weitaus mehr als ein blo\u00dfes \u201eBeiwerk\u201c zur politischen Gesamtarbeit der Gewerkschaften. Vielmehr schafft sie grundlegende Voraussetzungen f\u00fcr eine erfolgreiche Interessenpolitik, die gerade in Zeiten multipler Krisen und einer reaktion\u00e4ren gesellschaftlichen Gesamttendenz dringend ben\u00f6tigt werden.<\/p>\n<p>In diesem Sinne halte ich die folgenden drei Bestimmungsmerkmale f\u00fcr konstitutiv:<\/p>\n<ol class=\"wp-block-list\">\n<li>Gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist <em>politische Bildungsarbeit<\/em>: Sie zielt auf die Gestaltung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse.<\/li>\n<li>Gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist <em>parteiische Bildungsarbeit<\/em>: Sie zielt auf die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen von abh\u00e4ngig Besch\u00e4ftigten und deren gesellschaftlichen Mitbestimmungsm\u00f6glichkeiten.<\/li>\n<li>Gewerkschaftliche Bildungsarbeit ist <em>emanzipatorische Bildungsarbeit<\/em>: Sie zielt auf die \u00dcberwindung von Ausbeutungs-, Unterdr\u00fcckungs- und Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnissen jeder Art (\u00f6konomisch, rassistisch, sexistisch\u2026).<\/li>\n<\/ol>\n<p>Diese drei Merkmale sind meines Erachtens auch f\u00fcr die Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex \u201edigitale Transformation\u201c von entscheidender Bedeutung. Sie implizieren sowohl die Ziele als auch die Inhalte und Formen der Bildungsarbeit, wie ich im Folgenden ausf\u00fchren m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Gewerkschaftliche Bildungsarbeit in der digitalen Transformation<\/strong><\/p>\n<p>Zu 1.: Als <em>politische Bildungsarbeit<\/em> steht gewerkschaftliche Bildungsarbeit den hegemonialen Vorstellungen vom \u201edigitalen Wandel\u201c als gesellschaftlicher Naturnotwendigkeit prinzipiell entgegen. Weder die Anpassung an eine quasi-automatisch ablaufende technologische Entwicklung noch die Einreihung in irgendein herrschaftsf\u00f6rmiges Gestaltungsprojekt sind mit ihren Zielsetzungen vereinbar. Stattdessen will sie die Teilnehmer*innen dazu ermutigen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, und zwar im Rahmen einer solidarisch-demokratischen Praxis. Es geht ihr um die bewusste Gestaltung vern\u00fcnftiger, an menschlichen Bed\u00fcrfnissen orientierter gesellschaftlicher Verh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Dementsprechend besteht eine zentrale Aufgabe gewerkschaftlicher Bildungsarbeit darin, diese hegemonialen Vorstellungen zu analysieren und als das zu kritisieren, was sie sind: als Ideologien, die Ausdruck nicht begriffener sozialer Verh\u00e4ltnisse sind und hinter deren systematisierter Verbreitung das Kapitalinteresse steht, das sich auf diese Weise als das Interesse der gesamten Gesellschaft ausgibt. Das \u201eScheinsubjekt Digitalisierung\u201c<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote5sym\" id=\"sdfootnote5anc\"><sup>5<\/sup><\/a> ist durch Aufkl\u00e4rungsarbeit in seine Bestandteile zu zerlegen, damit die \u00f6konomischen Triebkr\u00e4fte hinter der rasanten technologischen Entwicklung offengelegt werden k\u00f6nnen: die Konkurrenz kapitalistischer Unternehmen um Marktanteile. Diese Konkurrenzsituation zwingt die Unternehmen dazu, ihre Waren m\u00f6glichst kosteng\u00fcnstig anzubieten. Zentrales Mittel zur Kostensenkung ist die Steigerung der Arbeitsproduktivit\u00e4t, also die Herstellung von mehr Produkten bzw. die Erbringung von mehr Dienstleistungen bei gleichbleibenden Lohnkosten (d.&nbsp;h. die Senkung der Lohnst\u00fcckkosten). Neue Technologien haben dementsprechend das Ziel, die geleistete Arbeit produktiver zu machen \u2013 nicht leichter. F\u00fcr die Arbeitenden bedeutet dies, dass sie in derselben Zeit mehr leisten m\u00fcssen als fr\u00fcher; die Arbeitsbelastung steigt mit der Folge, dass Stress und gesundheitliche Gef\u00e4hrdungen zunehmen.<\/p>\n<p>Erst im Zuge einer solchen ideologiekritischen Betrachtung kann ein ad\u00e4quater Begriff von digitaler Transformation als Form der kapitalistischen Produktivkraftentwicklung gewonnen werden. Im Licht dieses Begriffs wird auch schnell erkennbar, dass und warum der Zweck der permanenten Umgestaltung der Arbeit nicht darin besteht, das Leben der Arbeitenden angenehmer zu machen. Dieser Zweck liegt vielmehr in der Profitmaximierung des Kapitals, die ihrem Wesen nach grenzenlos ist.<\/p>\n<p>Zu 2.: Als <em>parteiische Bildungsarbeit<\/em> vertritt die gewerkschaftliche Bildungsarbeit den Interessenstandpunkt der Lohnabh\u00e4ngigen. Tut sie dies nicht, l\u00e4sst sie sich auf einen wie auch immer gearteten, vermeintlich \u201eneutralen\u201c Standpunkt festlegen, kann sie ihre oben genannte gewerkschaftspolitische Aufgabe nicht erf\u00fcllen und wird faktisch \u00fcberfl\u00fcssig.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote6sym\" id=\"sdfootnote6anc\"><sup>6<\/sup><\/a> F\u00fcr das Themenfeld der digitalen Transformation bedeutet das, dass die objektiven Interessen der Lohnabh\u00e4ngigen <em>als <\/em>Lohnabh\u00e4ngigen zum Dreh- und Angelpunkt der Auseinandersetzung zu machen sind. In der Fragestellung: \u201eWas bedeutet die technologische Entwicklung <em>f\u00fcr uns<\/em>?\u201c ist das kollektive \u201eWir\u201c als die Gesamtheit derjenigen Menschen zu bestimmen, die zur Existenzsicherung auf den Verkauf ihrer Arbeitskraft angewiesen sind. Zugleich ist es konsequent vom ideologischen \u201eWir\u201c der nationalen (bzw. europ\u00e4ischen, westlichen etc.) Schicksalsgemeinschaft abzugrenzen, die \u00fcblicherweise in den herrschenden Debatten beschworen wird.<\/p>\n<p>Damit f\u00fchrt auch dieses Bestimmungsmerkmal zur Notwendigkeit einer ideologiekritischen Betrachtung der digitalen Transformation und der Offenlegung der gesellschaftlichen Herrschaftsinteressen, die damit verbunden sind. Zugleich bildet es die Vorbedingung f\u00fcr die praktisch-politische Bearbeitung des Problemfeldes im n\u00e4chsten Schritt. Denn erst die Bestimmung des eigenen Standpunkts erm\u00f6glicht die Selbstverst\u00e4ndigung dar\u00fcber, wie die eigenen Interessen in Bezug auf die technologische Entwicklung beschaffen sind und wie diese Interessen in solidarisches Handeln \u201e\u00fcbersetzt\u201c werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aus dieser Perspektive erscheint die Gestaltung der digitalen Transformation nicht mehr als das gesamtgesellschaftliche Gemeinschaftswerk, als das es auch in gewerkschaftlichen Kreisen oft gesehen wird. Stattdessen wird es als Rationalisierungsstrategie zur Durchsetzung des Kapitalinteresses <em>gegen<\/em> das Interesse der Arbeitskraftverk\u00e4ufer*innen erkennbar. Freilich ist hierbei nicht ausgeschlossen, dass sich im Zuge der Rationalisierungen auch eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einstellt. Zweifellos lassen sich mit den neuen Technologien zahlreiche belastende und gesundheitssch\u00e4digende T\u00e4tigkeiten humanisieren. Sinn und Zweck der entsprechenden Ma\u00dfnahmen ist dies jedoch nicht. Eine Arbeitserleichterung bewirken die neuen Technologien nur dann, wenn die Besch\u00e4ftigten sie sich erk\u00e4mpfen: Mittels einer konsequenten kollektiven Vertretung ihrer Interessen, die in der Lage ist, die bestehenden Machtverh\u00e4ltnisse zu ihren Gunsten zu verschieben.<\/p>\n<p>Diese Feststellung leitet zum dritten Bestimmungsmerkmal \u00fcber: Gewerkschaftliche Bildungsarbeit als <em>emanzipatorische Bildungsarbeit<\/em>. F\u00fcr sie gilt wesentlich der kategorische Imperativ nach Karl Marx, der fordert, \u201ealle Verh\u00e4ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver\u00e4chtliches Wesen ist\u201c.<a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote7sym\" id=\"sdfootnote7anc\"><sup>7<\/sup><\/a> Die Befreiung aus gesellschaftlichen Herrschaftsverh\u00e4ltnissen jeglicher Art kann logischerweise nur in Form einer Selbstbefreiung erfolgen. Dies wiederum erfordert, dass die Bildungsarbeit selbst als solidarisch-demokratische Praxis angelegt werden muss. Als solche kann sie R\u00e4ume zur Verf\u00fcgung stellen, in denen die Beteiligten sich ohne hierarchische Verzerrungen \u00fcber ihre Alltagserfahrungen austauschen, gesellschaftliche Hintergr\u00fcnde reflektieren und alternative Handlungsm\u00f6glichkeiten entwickeln. Gerade in Zeiten, in denen die Aussichten f\u00fcr progressive politische Ver\u00e4nderungen \u00fcberschaubar sind, ist eine solche Selbstverst\u00e4ndigung \u00fcber die aktuellen Gegebenheiten von gro\u00dfer Bedeutung \u2013 zum einen, um keinen Illusionen hinsichtlich der Machtverh\u00e4ltnisse zu erliegen, zum anderen, um das Machbare \u00fcberhaupt in den Blick zu bekommen.<\/p>\n<p>In Bezug auf die digitale Transformation hei\u00dft das: Eine illusionsfreie Sicht auf die kapitalistischen Triebkr\u00e4fte hinter der technologischen Entwicklung ist die Voraussetzung, um erfolgsversprechende Handlungsans\u00e4tze im Besch\u00e4ftigteninteresse formulieren zu k\u00f6nnen. Diese Feststellung gilt nicht nur f\u00fcr die Diskussion von gesellschaftlichen Alternativen \u201eim Gro\u00dfen\u201c, wie sie im Rahmen von gewerkschaftspolitischen Bildungsangeboten stattfindet. Sie gilt ebenso f\u00fcr die Qualifizierungsangebote im Bereich der gewerkschaftlichen Tarif- und Betriebsarbeit, in denen das notwendige Instrumentarium f\u00fcr die Mitgestaltung der gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse \u201eim Kleinen\u201c vermittelt wird. Dar\u00fcber hinaus gilt sie aber auch f\u00fcr das Feld der arbeitgeberfinanzierten Seminare f\u00fcr betriebliche Mitbestimmungsorgane, auf dem verschiedene gewerkschaftliche und gewerkschaftsnahe Bildungstr\u00e4ger t\u00e4tig sind.<\/p>\n<p><strong>Orientierung und Unterst\u00fctzung f\u00fcr die betrieblichen Interessenvertretung<\/strong><\/p>\n<p>Dieses letztgenannte Feld, dass ich ebenfalls als Teilbereich der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit verstehe, will ich abschlie\u00dfend kurz in den Blick nehmen. Meiner Ansicht nach d\u00fcrfen die M\u00f6glichkeiten einer Einflussnahme auf die digitale Transformation mittels betrieblicher Mitbestimmung weder \u00fcber- noch untersch\u00e4tzt werden. Die generelle Richtung des Prozesses l\u00e4sst sich dar\u00fcber mit Sicherheit nicht ver\u00e4ndern. Es gibt jedoch zahlreiche Ansatzm\u00f6glichkeiten, um die sch\u00e4dlichen Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitenden zu verringern. Eine geschickt agierende Interessenvertretung kann dar\u00fcber hinaus einen nicht unerheblichen Einfluss auf Auswahl, Ausgestaltung und Verwendungsweisen von digitalen Technologien nehmen. Aufgabe der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit ist es, sie bei dieser anspruchsvollen Aufgabe bestm\u00f6glich zu orientieren und zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Mit Blick auf die von mir skizzierten drei Bestimmungsmerkmale bedeutet das:<\/p>\n<p>1. F\u00fcr die Auseinandersetzung mit den M\u00f6glichkeiten der betrieblichen Mitbestimmung ist eine ideologiekritische Sicht auf die digitale Transformation grundlegend. Auch in kurzen Bildungsformaten ist der Vermittlung eines ad\u00e4quaten Begriffs von der Sache hinreichend Raum zu geben. Damit meine ich keine lehrbuchartige Herleitung der Produktivkraftentwicklung, sondern eine diskursive Er\u00f6rterung der Frage, wer die \u201eTreiber\u201c hinter der digitalen Transformation sind und warum dies so ist. Als Ausgangspunkt eignen sich die entsprechenden Alltagserfahrungen der Kolleg*innen, wie sie auch vom DGB-Index Gute Arbeit zur Sprache gebracht werden. Dies wiederum f\u00fchrt direkt zur Frage nach den konkreten Verwendungsweisen digitaler Technologien. Auf der betrieblichen Ebene bedeutet das, dass die arbeitsorganisatorischen Implikationen von Digitalisierungsprozessen zu fokussieren sind, d.h. die damit einhergehenden Umgestaltungen der betrieblichen Abl\u00e4ufe. Dies ist einerseits erforderlich, um einer technikzentrierten Sichtweise vorzubeugen, andererseits, um die tats\u00e4chlichen Ansatzm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Mitbestimmungshandeln erkennen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>2. Ein solches technisch-organisatorisches Verst\u00e4ndnis von Digitalisierung erm\u00f6glicht es zugleich, den Interessenstandpunkt der Besch\u00e4ftigten im Betrieb zu kl\u00e4ren. Denn mit seiner Hilfe l\u00e4sst sich analysieren, welche konkreten Folgen die Einf\u00fchrung digitaler Technologien f\u00fcr die Arbeitsprozesse und damit f\u00fcr die Arbeitsbedingungen der Besch\u00e4ftigten hat: Welche Arbeitsprozesse ver\u00e4ndern sich wie? Welche Kolleg*innen sind wie betroffen? Welche Belastungen gehen damit einher, welche Entlastungen sind erforderlich? Aber auch: Welche Formen des Technologieeinsatzes w\u00e4ren aus Sicht der Arbeitenden w\u00fcnschenswert? Digitale Technologien sind also immer von der Arbeit aus und mit Blick auf die Arbeit zu betrachten. Dabei sollten die betroffenen Kolleg*innen als Expert*innen ihrer Arbeit fortlaufend mit einbezogen werden.<\/p>\n<p>In diesen Zusammenhang geh\u00f6rt aber auch die Thematisierung von Rolle und Aufgabe betrieblicher Mitbestimmungsorgane als Interessenvertretung der Arbeitenden, nicht etwa eines omin\u00f6sen betrieblichen Gemeinwohls. Damit ist freilich nicht gesagt, dass Interessenvertretungen grunds\u00e4tzlich zu konfliktorientiertem Handeln gegen\u00fcber dem Arbeitgeber animiert werden sollten \u2013 welche Strategien und Taktiken jeweils am ehesten zum Ziel f\u00fchren, h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab. Gerade bei komplexen Mitbestimmungstatbest\u00e4nden wie der Einf\u00fchrung digitaler Technologien ist ein verst\u00e4ndigungsorientiertes Vorgehen oft aussichtsreicher. Entscheidend ist jedoch, dass das Gremium \u00fcber ein hinreichend klares Selbstverst\u00e4ndnis verf\u00fcgt.<\/p>\n<p>3. Bei der Frage, auf welchen Wegen und mit welchen Mitteln sich das Besch\u00e4ftigteninteresse am erfolgreichsten vertreten l\u00e4sst, sollte der Fokus auf den M\u00f6glichkeiten eines \u201eproaktiven\u201c Mitbestimmungshandelns liegen. Ziel des Gremiums sollte es sein, nicht nur auf Ma\u00dfnahmen des Arbeitgebers zu reagieren, sondern selbst in die Offensive zu kommen und besch\u00e4ftigtenorientierte Anforderungen an Auswahl, Konfiguration und Einsatz digitaler Technologien geltend zu machen. Hierf\u00fcr ist es sinnvoll, bei der Behandlung der einschl\u00e4gigen Beteiligungsrechte auch den oft untersch\u00e4tzten Stellenwert der Informationsrechte (auch unabh\u00e4ngig vom Vorliegen eines konkreten Anlasses) zu betonen: Je gr\u00f6\u00dfer die Wissensbasis des Gremiums hinsichtlich der anstehenden Ver\u00e4nderungen, desto gr\u00f6\u00dfer auch sein potenzielles Handlungsspektrum. Dass es mit der Vermittlung der Beteiligungsrechte allein nicht getan ist, versteht sich von selbst. Entscheidend ist die darauf gest\u00fctzte Erarbeitung von zielf\u00fchrenden Strategien und Taktiken, in denen die verschiedenen Ansatzm\u00f6glichkeiten \u2013 Arbeits- und Gesundheitsschutz, Besch\u00e4ftigtendatenschutz, Verhaltens- und Leistungskontrolle, Berufsbildung, KI-Verordnung der EU etc. \u2013 mit ihren jeweiligen Vorz\u00fcgen kombiniert zur Anwendung gebracht werden. Derartige Strategien und Taktiken k\u00f6nnen freilich nicht einseitig vermittelt, sondern nur in einem gemeinsamen, dialogischen Prozess erarbeitet werden. Die Unterst\u00fctzungspotenziale, die die gewerkschaftliche Bildungsarbeit f\u00fcr solche Prozesse bereith\u00e4lt, d\u00fcrften bei weitem noch nicht ausgesch\u00f6pft sein.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote1anc\" id=\"sdfootnote1sym\">1<\/a> Presse- und Informationsamt der Bundesregierung (BPA): Digitalisierung gestalten. Executive Summary Juni 2021, S. 2. Download: publikationen-bundesregierung.de<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote2anc\" id=\"sdfootnote2sym\">2<\/a> Eine OECD-Publikation mit dem programmatischen Titel \u201eGoing Digital: Den digitalen Wandel gestalten, das Leben verbessern\u201c dr\u00fcckt dies folgenderma\u00dfen aus: \u201eB\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, staatliche Stellen und alle betroffenen Akteure sollten die Gunst der Stunde nutzen und sich f\u00fcr eine digitale Zukunft einsetzen, in der die ungeheuren Chancen der digitalen Transformation bestm\u00f6glich genutzt werden, um das Leben der Menschen zu verbessern, und zugleich sichergestellt wird, dass niemand zur\u00fcckbleibt.\u201c (https:\/\/www.oecd.org\/content\/dam\/oecd\/de\/publications\/reports\/2019\/03\/going-digital-shaping-policies-improving-lives_g1g9f091\/e78eb379-de.pdf)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote3anc\" id=\"sdfootnote3sym\">3<\/a> IAB: Digitalisierung am Arbeitsplatz: Technologischer Wandel birgt f\u00fcr die Besch\u00e4ftigten Chancen und Risiken (iab-forum.de\/arbeitsmarkt-digitalisierung)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote4anc\" id=\"sdfootnote4sym\">4<\/a> F\u00fcr die Auswirkungen der Digitalisierung sind insbesondere die Befragungen aus den Jahren 2016 und 2022 aufschlussreich. Alle Berichte seit 2007 finden sich unter index-gute-arbeit.dgb.de.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote5anc\" id=\"sdfootnote5sym\">5<\/a> Weis, Nathan \/ Schadt, Peter (Hg.): Scheinsubjekt Digitalisierung. Politische \u00d6konomie der Arbeit 4.0.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote6anc\" id=\"sdfootnote6sym\">6<\/a> Die Erkenntnis, dass Bildungsarbeit nicht neutral sein kann, da sie immer Ausdruck sozialer Verh\u00e4ltnisse und damit von Herrschaftsverh\u00e4ltnissen ist, geh\u00f6rt zum grundlegenden Wissensbestand Kritischer P\u00e4dagogik. Mit dem gesellschaftlichen Rechtsruck und den damit einhergehenden Angriffen auf (vermeintlich) linke P\u00e4dagog*innen und Bildungseinrichtungen haben die entsprechenden Debatten in den letzten Jahren wieder an Brisanz gewonnen. F\u00fcr einen aktuellen \u00dcberblick s. Alexander Wohnig \/ Peter Zorn (Hg.): Neutralit\u00e4t ist keine L\u00f6sung! Politik, Bildung, politische Bildung [= Schriftenreihe der BpB, Band 10592], Bonn 2022.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/emafrie.de\/digitale-transformation-und-gewerkschaftliche-bildungsarbeit\/#sdfootnote7anc\" id=\"sdfootnote7sym\">7<\/a> Marx-Engels-Werke (MEW) Band 1, Berlin 2003, S. 385<\/p>\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li><em>Manuel R\u00fchle<\/em> ist in der gewerkschaftlichen Bildungsarbeit t\u00e4tig<\/li>\n<li>Der Text erschien im zuerst auf <a href=\"https:\/\/www.sozialismus.de\/index.php?id=8741\"  rel=\"noreferrer noopener\">Sozialismus.de<\/a> im Oktober 2025<\/li>\n<\/ul>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>von Manuel R\u00fchle Industrie 4.0, Internet der Dinge, Big Data \u2013 der \u201eMegatrend Digitalisierung\u201c bestimmt seit \u00fcber 10 Jahren \u00f6ffentlichkeitswirksam die Debatten rund um die technologische Entwicklung. Der vorherrschenden Sichtweise zufolge bleibt in diesem Prozess nichts wie es war. 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